volkswagenDer Schneider von Wolfsburg

Volkswagen hat ein Problem. Autos wie Touran und Passat gelten als Langweiler. Der Stardesigner Murat Günak soll der Marke ein neues Gesicht geben von 

Der Umsatz fiel, der Gewinn brach ein, für VW-Chef Bernd Pischetsrieder häuften sich in diesem Jahr die schlechten Nachrichten. Da tut jede Erfolgsmeldung gut. Zum Beispiel die vom Amtsantritt des Murat Günak. Der 46-jährige Deutsch-Türke gilt als herausragende Figur unter den Autodesignern: Er hat Peugeot das neue Gesicht verpasst, mit der die Traditionsmarke wieder Schwung bekam, er hat die elegante Optik der jüngeren Mercedes-Modelle geprägt – und jetzt ist VW dran.

"Der Volkswagen-Konzern beschäftigt mittlerweile zwei der drei besten Designer in Europa", frohlockte Pischetsrieder, nachdem er das Kunststück fertig gebracht hatte, Günak von Mercedes abzuwerben. Schließlich arbeitet der für seine Alfa Romeos gefeierte Italiener Walter de’ Silva schon für Seat und Audi.

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Seit April ist Murat Günak in Wolfsburg. Sein erster großer Auftritt in VW-Diensten: Die Präsentation der Roadster-Studie ConceptR Anfang September in Berlin. Der flott gestylte Zweisitzer signalisiere einen "Aufbruch zu neuen Ufern" bei VW, versprach Konzernchef Pischetsrieder da und ließ Peter Schreyer, Leiter Design der Marke VW, und seinen neuen Star Murat Günak, offiziell Leiter Design der Markengruppe VW (mit Bentley, Bugatti, Skoda), den neuen Stil erklären. Günak sprach von "Seele", von "Emotion" und "Dynamik", von Dingen, die dem zuletzt so nüchternen Image der Volkswagen gut tun. Seinem neuen Chef gefällt so was.

Doch wo bleibt dabei die Arroganz des großen Kreativen? Wo das auffällig groß karierte Sakko oder das Outfit schwarz in schwarz? Wie immer trägt Günak einen dezenten, perfekt sitzenden Anzug. Er muss sich nicht verkleiden, um Eindruck zu machen. Der kleine Mann mit dem jungenhaften Gesicht und den blitzenden braunen Augen hat Charme, weckt spontane Sympathien, wenn er mit klarer Stimme seine Gedanken vorträgt.

Das bescheidene Auftreten sollte freilich über eines nicht hinwegtäuschen: Intern macht Günak Dampf. In seinem Wolfsburger Büro sagt er: "Am liebsten bin ich in unseren Studios." Eben dort, wo erste Entwürfe eines Autos mit dem Bleistift gescribbelt werden, wo eine Idee am Computer dreidimensional simuliert wird, die ersten Tonmodelle in aufwändiger Handarbeit entstehen. Er will die Prozesse lenken, die Entwicklung koordinieren, ohne die Kreativität seiner multinationalen Designertruppe zu früh einzuschränken.

Der Erfolg bei Peugeot und Mercedes machte ihn berühmt

Vom ersten Tag an war Günak bei VW voll im Einsatz, noch hat er nicht einmal alle Bilder aufgehängt. Einige Reminiszenzen seiner Karriere stehen auf dem Bord hinter seinem Schreibtisch: ein Modell des Peugeot 206CC, jenes kleinen Cabrios, das Frauenherzen höher schlagen lässt; einen winzigen Mercedes SLR, der Supersportwagen, von dem Männer träumen. Sie stehen für Günaks Glanztaten bei Peugeot und Mercedes. Deshalb wollte ihn Pischetsrieder unbedingt für VW haben.

Günak, seit 1993 deutscher Staatsbürger, wurde in Istanbul als Sohn eines Arztes geboren. Sein Vater dachte wohl schon an sein späteres Fortkommen, als er ihn dort auf die österreichische Schule schickte. Als Murat 16 war, siedelte die Familie ins westfälische Warburg über. Nach dem Abitur studierte er Bühnenbild in Kassel. Damals lud ihn Bruno Sacco, der langjährige Mercedes-Designchef, zu einem Praktikum nach Sindelfingen ein. Der Jungdesigner fing Feuer.

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