Es hat lange, sehr lange gedauert, bis Ole von Beust zu der Einsicht gelangt ist, dass "das Ansehen und die Würde der Stadt", die er regiert, durch eben diese Regierung "infrage gestellt" wurde. Nach eigener Aussage war es Dienstagmorgen, 4.30 Uhr, als Hamburgs Erster Bürgermeister die Entscheidung für Neuwahlen traf – rund zwei Jahre nachdem er mithilfe des Populisten Ronald Schill in der Hansestadt an die Macht gelangt war. Von Beusts Entscheidung vorausgegangen war ein politischer Amoklauf Schills, der nach den Worten seines bisherigen Parteifreundes Mario Mettbach "sehr schwach begann und immer stärker wurde".

Beflügelt von seiner Wiederwahl als Hamburger Parteichef vor zwei Wochen und gereizt durch seine Absetzung nur acht Tage später, hatte Schill zuletzt fast alle beschimpft, die in der Hamburger Politik Verantwortung tragen. Von verdienten Staatsräten über ehemalige Senatskollegen bis hin zum Bürgermeister selbst – in Schills Augen alles Kreaturen, die nur dank seines eigenen Erfolges existieren. Womit er – und hier beginnen die Schwierigkeiten der Geschichte – ja nicht ganz Unrecht hat. Nun, da der Spuk vorerst vorbei ist und der Bürgermeister gnädig den Vorhang vor jenem "unwürdigen Kasperletheater" gesenkt hat, muss man die Frage noch einmal stellen, wie die stolze Hansestadt überhaupt in die Hände eines solchen politischen Rattenfängers fallen konnte. Oder anders herum: wie Schill wurde, was er heute ist.

Die Schill-Partei, der jüngste und bislang spektakulärste Versuch, in Deutschland eine rechtspopulistische Partei zu etablieren, war stets beides zugleich: das Symptom einer ernsthaften politischen Krise in einer Stadt, die seit mehr als vier Jahrzehnten von derselben Partei regiert wurde, und das Versprechen auf schnelle Heilung. Ronald Schill konnte sich als politischer Parasit an einer SPD laben, die in langen Regierungsjahren träge, überheblich und unsensibel geworden war. Er profitierte von einer CDU, die in denselben langen Jahren als Opposition ein immer kläglicheres Bild abgegeben hatte. Nur weil die politische Szene in der Stadt derart erstarrt und die Rollen scheinbar unabänderlich verteilt waren, war auf der Hamburger Bühne überhaupt Platz für einen Maulhelden wie Schill.

Der wiederum wusste, obwohl in Auftreten und Rede kein Charismatiker, wie er sein Publikum mit ein paar flotten Sprüchen und die Medien mit gezielten Provokationen unterhielt. Mal forderte Schill die Kastration von Sexualstraftätern, mal räsonierte er über die Einführung der Todesstrafe – stets waren ihm Schlagzeilen und Aufmerksamkeit sicher. Ohne die Verstärkung seiner Parolen in den Medien ist der Erfolg des Populisten nicht zu erklären, egal ob ihn die versammelte Springer-Presse in Hamburg nun als Hoffnungsträger unterstützte oder andere ihn als politischen Rechtsausleger bekämpften. Dass Schills Persönlichkeitsstruktur bereits früh eher auf einen klinischen denn auf einen politischen Fall hindeutete, wurde dabei von beiden Seiten übersehen.

Die Wählerschaft, die Schill schließlich erschloss, jene eindrucksvollen 19,4 Prozent, die seiner Partei am 23. September 2001 in Hamburg die Stimme gaben, reichte weit über das übliche Protestpotenzial hinaus. Nicht nur Arbeiter und Arbeitslose votierten für Schill, sondern auch Beamte (20 Prozent) und Selbstständige (16 Prozent); nicht nur Geringqualifizierte, sondern auch Akademiker (9 Prozent); nicht nur die Schwachen aus den sozialen Brennpunkten, sondern auch Betuchte aus den Elbvororten. Sie alle haben ihren Teil zum Experiment Schill beigetragen, und manch einer, der nun vornehm die Nase rümpft, hat den Populisten vor zwei Jahren noch heimlich oder offen unterstützt.

Voraussichtlich am 29. Februar haben die Hamburger also wieder die Wahl. Die CDU wird damit werben, dass der Senat in den vergangenen zwei Jahren in der Sache – Vergessen Sie Schill! – erfolgreich gearbeitet habe. Die SPD wird Ole von Beust im Gegenzug dafür verantwortlich machen, dass er Hamburg zum Gespött der Republik gemacht hat. Die Wähler können sich also entscheiden, ob sie von Beust dafür belohnen wollen, dass er mit Schill paktiert hat, oder ob sie einer SPD, die sich noch nicht grundsätzlich geändert hat, schon zwei Jahre nach ihrer Abwahl wieder den Weg zurück zur Macht ebnen wollen. Man ahnt bei dieser Konstellation, woraus sich neuer Verdruss speisen könnte.

Auch Ronald Schill wird wohl wieder kandidieren, in welcher Partei auch immer. Nur regieren, so viel kann man vorhersagen, wird er in Hamburg nicht noch einmal. Für ihn wird das eine bittere Lektion werden. Denn am Ende war auch der Populist nur eine Kreatur.