Von dem Schriftsteller Maurice Maeterlinck stammt der Satz: "Der scheinbare Mensch, der wir sind, lebt auf dem wirklichen Menschen wie eine Fliege auf einem Schädel." Im deutschen Fernsehen gibt es niemanden, der diesen Satz so stolz verkörpert wie Harald Schmidt. Der Entertainer ist die Fliege, die den Schädel des Riesen umkrabbelt, auf der Suche nach einer Öffnung zum Geist, zum Gedächtnis. Und manchmal wirkt Schmidt, als habe er den Schädel des Riesen schon von innen gesehen.

Vielleicht nennt man diesen Spaßmacher deshalb einen Kulturkritiker. Während er manisch die Oberflächen umschwirrt, zeigt er die Abwesenheit von "Kultur", von "Erinnerung" und "Tiefe".

Acht Jahre lang hat er das für einen Privatsender getan, der Tiefe nicht zu den wesentlichen Programmelementen zählt. Als bei Sat.1 Leo Kirch regierte, hat man Schmidt gehegt und begriffen, dass er das Gesicht des Senders ist. Dann kaufte ein amerikanischer Investor, Haim Saban, die ProSiebenSat.1 Media AG. Unter ihm steigerte sich die Konzerndynamik ins Zerstörerische. Führungskräfte wurden gefeuert, und am vergangenen Donnerstag erwischte es Martin Hoffmann, den Geschäftsführer von Sat.1, einen Freund Harald Schmidts. Noch am selben Abend schoss sich Schmidt in seiner Sendung auf Hoffmanns Nachfolger, den Schweizer Roger Schawinski ein, und in der Freitagsshow vernichtete er seinen neuen Chef symbolisch. Er las aus dessen literarischem Werk vor (Das Ego-Projekt – Lebenslust bis 100).

In sonnigster Laune streute Schmidt da verbrannte Erde um seinen Schreibtisch. Am vergangenen Montag teilte er seinen Mitarbeitern und der Öffentlichkeit mit, er werde eine "Kreativpause" einlegen. Am 23. Dezember läuft die letzte Harald Schmidt Show. Die Republik hat schon jetzt heftige Verlustgefühle.

Denn wer bleibt uns als spätabendlicher Bildschirmgefährte? Einerseits Stefan "Das tote Gebiss" Raab. Andererseits: Johannes B. Kerner, unser Premium-Schaulustiger, der geschmeidig Anteil nehmende Über-Nachbar aller Deutschen (Standardfrage: "Wie fühlten Sie sich, als Sie vom Tod Ihres Mannes/Kindes/Hundes erfuhren?"). Ein platter Zyniker und ein Marathonemphatiker. Alles in allem: fürchterliche Aussichten.

Was verlieren wir, wenn wir Schmidt verlieren, den Mann, der mit uns acht Jahre älter geworden ist? Einen Gefährten. Eine Type, die über die Jahre hin Mensch wurde.

Schmidt stirbt in seiner Show stellvertretend für uns, die wir uns vor dem großen sozialen Tod fürchten, tausend kleine Peinlichkeitstode (schlechte Witze, erotische Bekenntnisse, durchscheinende Neurosen, nichtssagende Gäste) und geht daraus stets als strahlender Überlebender hervor. Sein Spiel ist ein Echo aus den Zeiten, da auf den Jahrmärkten vor aller Augen faule Zähne gezogen und Strafen vollstreckt wurden: Hier steht ein Mann und stellt sich bloß. Er liebt Prangersituationen, er zeigt lüstern, was er nicht kann und was ihm zum Glück fehlt. Er stellt sich selbst als Hochstapler bloß, als, mit Samuel Beckett gesprochen, genialen Not-Canner. Selbst den großen sozialen Tod, die Freisetzung, den Rausschmiss, hat er nun selbst inszeniert, als Heldentod mit hoffentlich schneller Wiederauferstehung in einem anderen Sender.

Acht Jahre Schmidt. Wir durften zusehen, wie er magerer, grauer und asketischer wurde, wie er seine Brille zirka 300000-mal ruckend auf dem Nasensattel justiert hat, wie er seine Lippen so lange dünn geknabbert hat, bis sein Gesicht etwas rührend Hutzelweibhaftes bekam. Wir haben ihm zugesehen, wie er Haken schlug, Breaks zelebrierte, Tonarten wechselte, den nicht zu Fassenden spielte. Oft wirkte er wie einer, der mit acht Keulen jonglierte, dann einen Schritt beiseite trat und die Keulen grinsend zu Boden prasseln ließ. Als könnte er jederzeit gehen, als könne er wirklich loslassen.