Deutsche Szenen aus dem Jahr 2003: Im badischen Rastatt verhöhnt ein Bürgermeister afrikanische Asylbewerber mit dem Rat, sie sollten "tanzen bis sie schwarz werden". Im niedersächsischen Wolfsburg herrscht ein Ratsherr demonstrierende italienische VW-Arbeiter an: "Haut ab, ihr Kanaken!" Ein Bundestagsabgeordneter aus dem Osthessischen suggeriert anlässlich einer Gedenkrede zur deutschen Vereinigung ein jüdisches "Tätervolk". Derselbe Volksvertreter attackiert bei anderer Gelegenheit – um seine Sorge um den Fortbestand der Völker auf der Nordhalbkugel zu illustrieren – einen sich "organisierenden Gruppenegoismus der Homosexuellenlobby". Ein Bundestagsabgeordneter aus dem Sächsischen wiederum wählt zur Beschreibung der von ihm vermuteten politischen Vorlieben deutscher Muslime die Metapher, diesen andersgläubigen Mitbürgern würde eher die Hand abfaulen, als dass sie seiner (christlichen) Partei die Stimme gäben. Diese Beispiele für verbale Aggression konnte man den Zeitungen entnehmen. Vergleichbare Feindseligkeiten gibt es aber auch im Windschatten der öffentlichen Berichterstattung. Sie sind beunruhigende Zeichen einer wachsenden Bereitschaft zur Abwertung von Behinderten, Obdachlosen, Bettlern, Sozialhilfeempfängern, von neu Zugezogenen und, nicht zuletzt, von Frauen.

Die zitierten Äußerungen haben eines gemeinsam: Keiner der Akteure gehört einer extremen Partei oder einer verfassungsfeindlichen Organisation an. Doch mit ihrer "gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" sind sie allesamt in ihrer lokalen Umgebung durchaus populär – und entfalten auch Fernwirkung. Wieweit solche Sprüche verschwiegene Stimmungen in der Bevölkerung zum Ausdruck bringen oder sie erst erzeugen, ist eher zweitrangig. Bedeutsam ist, dass so die Grenzen der Normalität verschoben werden: Auf diese Weise bildet sich allmählich eine "neue Normalität".

Dies geschieht vor allem dann, wenn drei Bedingungen zusammenwirken: Erstens eine gesenkte Hemmschwelle der Eliten, vorhandene Stimmungen gegen Schwächere populistisch zu nutzen oder zu verstärken; zweitens eine Zustimmungsmentalität in der Bevölkerung, die populistisch aktivierbar ist; drittens die Existenz eines klar erkennbaren Aggressionsobjekts in Gestalt schwacher, deutlich kenntlicher Gruppen (sozialer Minderheiten) innerhalb der Gesellschaft. Diese drei Bedingungen sind auch in Deutschland gegeben. Die genannten Äußerungen sind eindrucksvolle Beispiele für die sinkende Hemmschwelle innerhalb der politischen Eliten. Die Bereitschaft der Bevölkerung, die diversen Facetten der in unserem Forschungsprojekt untersuchten "gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" zu akzeptieren, ist gravierend. Und es zeigt sich schließlich, dass diese Einzelfacetten miteinander derart eng verknüpft sind, dass sie ein Syndrom bilden. Das bedeutet, dass die feindselige Mobilisierung gegen eine Gruppe ansetzt und später – je nach politischen Stimmung – auf andere Gruppen überspringen kann. Die Feindseligkeit bleibt, was wechselt, sind die Ziele: Juden, Homosexuelle, Muslime, Obdachlose – Frauen.

Die latente Zustimmungsbereitschaft in der Bevölkerung gegenüber den wichtigsten Ausdrucksformen des Syndroms gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, vom Rassismus bis zum Sexismus, wird in empirischen Befunden deutlich. Aus den Gesamtergebnissen zitieren wir im Folgenden einige Beispiele.

Rassismus: Der Auffassung, dass "die Weißen" zu Recht führend in der Welt seien, stimmen 18 Prozent der Befragten zu.

Fremdenfeindlichkeit: Mehr als 59 Prozent vertreten die Meinung, in Deutschland lebten zu viele Ausländer. Fast 30 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Ausländer zurückgeschickt werden sollten, wenn die Arbeitsplätze knapp werden.