Kirkuk/Irak

Anstoß im Stadion von Kirkuk. Gleich die erste Flanke geht ins Aus. Der Ball landet auf der Aschenbahn, in einer großen Pfütze. Daneben steht eine Frau mit beschmierter Schürze und zetert. Zu Recht, darf man sagen, denn der Ball hat ihre Arbeit der letzten Stunde zunichte gemacht. Sorgfältig hatte sie Lehmziegel aus Erde, Wasser und Stroh gepresst, geformt und zum Trocknen in der Sonne aufgereiht. Mittendrin schlug der Ball auf. Jetzt rollt er schon wieder auf dem Feld – zum Ärger des Publikums.

Die Freizeit-Kicker sind in diesem Stadion wahrlich fehl am Platze. Die Tribünen quellen über vor Menschen, die dort nicht für zwei Stunden sitzen, sondern für die nächsten Monate, vielleicht Jahre. Sie haben sich in den Waben der Zuschauerblöcke eingerichtet. Die Betten unter der Tribünenschräge, der Gaskocher neben der Waschschüssel, die Teekanne aus Blech an einem Stahlnagel, die Hühner auf der Stadiontreppe. Oben auf der Ehrentribüne hat eine Familie eine Art Penthouse ausgebaut. Die Aussicht könnte prächtig sein. Doch zum Spielfeld hin sind die Wohnhöhlen mit Lehmziegeln vermauert. Man ist schließlich nicht zum Vergnügen hier.

Das Stadion, in dem 1988 arabische Fußballer die Meisterschaften der Golfstaaten austrugen, ist zur Arena der Flüchtlinge geworden. An die 400 leben hier seit dem Frühling. Die meisten sind Kurden, die nach dem Sturz Saddam Husseins nach Kirkuk zurückgekehrt sind. Im Block A haben zwei turkmenische Familien Obdach gefunden. Ein assyrischer Christ wohnt mit seiner kurdisch-muslimischen Frau auf der Betonplattform gleich über dem Eingang. Der Pförtner ist ein sunnitischer Araber. Den Schlüssel zur Arena hat er verlegt, das Eisentor ist aus den Angeln gehoben.

Das Fußballstadion ist Kirkuk im Kleinformat. Und Kirkuk sieht aus wie ein Abziehbild des ganzen Landes. Das ruppige Nebeneinander seiner Bewohner spiegelt die Plagen aller Iraker. Die Vertreibungen und die Rückkehr nach Jahren. Die gewaltsamen Ansiedlungen. Die Putsche, die wechselnden Despoten. Die Unmöglichkeit, ein homogener Nationalstaat zu werden. Und den Reichtum. Kirkuk liegt auf Ölfeldern, die 6,5 Prozent der globalen Reserven bergen sollen. Das Besitzrecht an dieser Stadt reklamieren irakische Kurden, Turkmenen und Araber gleichermaßen.

Mirsa ist vor vier Monaten zurückgekehrt, um seinen persönlichen Anspruch geltend zu machen. Unterschlupf fand er in einer verlassenen Kaserne der irakischen Armee. Mit vier Töchtern und zwei Söhnen hat er zwei ehemalige Offizierszimmer in Beschlag genommen. Feucht und spakig sind sie. Eine Blechschüssel auf dem Boden fängt die Tropfen auf, die im Herbst durch die Decke regnen. Barfuß rutschen die Kinder über den Beton. Mirsa hat die Wasserleitung repariert und ein Elektrokabel vom Kasino hierher verlegt. Der 42-Jährige kennt die Kaserne gut.

"Vor zwanzig Jahren folterten mich hier Soldaten, weil ich nicht für Saddam sterben wollte." Das war in den achtziger Jahren, als Saddam Hussein Krieg gegen Iran führte. Mit Vorliebe schickte die Armeeführung Kurden ins Feuer an der Front. Mirsa desertierte und wurde gefasst. Nach der Folter in der Kaserne saß er drei Jahre in einem Gefängnis bei Bagdad. Daheim in Kirkuk verloren seine Eltern erst ihre Arbeit, dann ihr Haus. 1985 wurden sie vertrieben. Sie starben in einem kurdischen Dorf nördlich von Kirkuk. Die Befreiung erlebte nur ihr Sohn. Nach dem US-Einmarsch kehrte Mirsa in die Heimat, an seine Folterstätte zurück.

Das Haus der Eltern ist inzwischen abgerissen. Arabische Siedler haben einen Neubau auf das Grundstück gesetzt, dann verkauften sie das Haus wieder, an einen Kurden. Mit dem darf sich Mirsa nun über das Bauland streiten. "Er behauptet, er sei selbst ein Vertriebener", sagt Mirsa. "Er wollte mir Haus und Grundstück verkaufen. Aber wie kann ich kaufen, was mir gehört?" Er könnte es ohnehin nicht. Mirsa und seine Kinder besitzen nicht mehr als ein paar Messer, Schüsseln und eine farbenfrohe Kollektion kurdischer Pluderhosen. Sein altes Taxi musste Mirsa für die Rückkehr nach Kirkuk verkaufen. "Nun warten wir auf die versprochene Gerechtigkeit."