Wie spannend Sagen und Mythen sein können, begriffen manche spätestens, als Wagner einen vierteiligen mythologischen Selbstläufer auf die Opernbühne wuchtete. Der Rest der Welt weiß es, seit Der Herr der Ringe die Kinoleinwände erobert. Arnold Bax hat zwar auch Wagner gehört, vor allem aber William Butler Yeats gelesen und über ihn seine Liebe zur irischen Sagenwelt, zu Tristan und König Artus, entdeckt. Der Engländer gestand, die Yeats-Lektüre habe in ihm "den Kelten geweckt", und Kelte ist er sein Leben lang geblieben. Die Bedeutung des Meeres für viele seiner Orchesterwerke hat Bax mehrfach betont. In der 1919 vollendeten Tondichtung Tintagel steht Sir Arnold frühmorgens hoch oben auf den Zinnen der Burgruine, blickt weit hinaus auf das im Sonnenaufgang glitzernde Meer und die Steilklippen hinunter auf die heranbrandenden Wellen. Doch das Stück ist nicht nur eine imposante, trotz Hilfe von Debussy, Ravel und Strauss fantastisch eigenständig orchestrierte Naturschilderung, deren narkotisierender Wirkung man sich schwer entzieht. Wer Tintagel hört, begibt sich eben auch auf die schicksalsschwere Reise zurück zu den Rittern der Tafelrunde. Bax war freilich mehr als nur ein romantischer Träumer. Seine sieben üppig wuchernden und zwischen tiefen emotionalen Abgründen lavierenden Sinfonien, die der wohlhabende Privatier großenteils in einem hässlichen, ungeheizten Hotelzimmer irgendwo an der Westküste Schottlands schrieb, reflektieren auch politisch brisante Ereignisse wie den Osteraufstand in Dublin 1916, der viele von Bax' Freunden das Leben kostete. Wenn David Lloyd-Jones und das Royal Scottish National Orchestra im Rahmen ihrer gerade entstehenden ausgezeichneten Gesamteinspielung Tintagel jetzt mit der Siebten Sinfonie koppeln (Naxos 8.557145), dann ist das die sinnvolle Zusammenführung von Ausgangs- und Endpunkt dieser "keltischen" Sinfonik.

Bax macht das selber klar, wenn er das Tristan-Zitat aus der Tondichtung im Kopfsatz der Siebten aufgreift. Sie ist von den gespenstischen Holzbläser-Figuren des Beginns über die rätselhafte Passage "In Legendary Mood" des langsamen Satzes bis zum hymnischen Hauptthema des Finales ein teils vitaler, teils abgründig wehmütiger Rückblick. Im wunderschön verdämmernden Epilog macht Bax im Januar 1939 seinen von Harfenglissandi grundierten Frieden mit der Welt - ein tragischer Irrtum. Vielleicht hat er deshalb danach so gut wie nichts mehr komponiert.