Kopftuchdebatte Im Schutz des Tuches
Ein Besuch in der mitunter merkwürdigen Welt deutscher Kopftuchlehrerinnen
Eva El-Shabassy nimmt das, was sie für Gottes Gebot hält, sehr ernst. Discos, Flirten und Schmusen? Das hat sie ihren Kindern stets verboten. „Gemeinsam tanzen? Dann wird doch gleich geküsst!“ Die Liebe, sie ist doch kein Spiel. „Ernste Absicht“ sollte dahinter stecken, wenn Mann und Frau aufeinander treffen. „So will es Allah“, glaubt Eva El-Shabassy. Einmal, als der Sohn zelten gehen wollte, ist sie stur geblieben. In „gemischten Zelten“ habe ein Muslim wirklich nichts zu suchen.
Eva El-Shabassy löffelt mit ihrem ägyptischen Ehemann noch schnell einen Teller Linsensuppe. Dann geht es zum Elternabend. Sie ist eine so genannte Kopftuchlehrerin. Seit über 20 Jahren unterrichtet die zum Islam konvertierte Deutsche an der Grundschule in Aachen-Richterich. „Die Kinder fühlen sich eher durch meine altmodischen Schuhe gestört“, versichert sie.
Stimmt das? Wie leben, was denken Kopftuchlehrerinnen? Sind sie Sendboten des islamischen Fundamentalismus? Oder betrachten sie das Tuch als Ausdruck einer religiösen Überzeugung, die auf ihr Selbstbewusstsein als Beamte keinen Einfluss hat? Mehrere Bundesländer denken nach dem Fall Fereshta Ludin über ein Verbot der Kopfbedeckung nach (siehe Kasten).
In Frau Shabassys vierter Klasse in Aachen ist das kein Thema. Kunterbunte Martinshühner aus Pappmaché leuchteten bis vor kurzem in den Fenstern. Jetzt, zu Weihnachten, gibt es natürlich einen Adventskranz. Mitunter werden die Knirpse von ihrer muslimischen Lehrerin auch zur Schulmesse geführt. „Es ist mir noch nicht gelungen, lauter kleine Muslime heranzuziehen“, scherzt El-Shabassy.
Auf den Stühlen der Kleinen sitzen an diesem Abend die Eltern und lauschen einem Vortrag der Lehrerin über „kindergerechte Ernährung“. Das Tuch kümmert niemanden. In der Pause sagt eine Mutter: „Bei einem Verbot würden wir protestieren!“ Denn Frau Lehrerin, das schwören alle, missioniert nicht. Wie zum Beweis liegen hinten ein paar Fotoalben von Klassenfahrten. Fröhliche Kinder beim gemeinsamen Schwimmen. „Meine religiösen Ideale sind Privatsache“, sagt Eva El-Shabassy.
Anfang der Siebziger begann sie sich mit dem Islam zu beschäftigen. Während draußen Gleichaltrige sexuelle Befreiung und „Mini-Mode“ probten, nähte sie lange Blusen und Ganzkörperbadeanzüge. „Entlastend“ sei es gewesen, „nicht immer schön und sexy sein zu müssen“. Ein „Schutz“ sei das Tuch. Wovor eigentlich? „Vor den Blicken anderer. Mein Mann und ich gehen auch nicht mit anderen Leuten tanzen. Das ist doch unsittlich“, erzählt sie. Mündet doch nur in Flirt und Unzucht. Der Ehebruch, sagt sie, „sollte wieder als schädlich erkannt werden“. Dem Grundgesetz fühlt sie sich verpflichtet. Nun ja: Der Schutz der Ehe sollte vielleicht etwas strenger ausgelegt werden. Wie denkt sie eigentlich über die Steinigung für Ehebruch? „Eine schreckliche Strafe“, sagt El-Shabassy. Ist sie Unrecht? Ist sie Gottes Gebot? „Diese Strafe steht in der Scharia“, sagt Frau Lehrerin. Unrecht? „Ehebruch ist ein Verbrechen, wie Mord.“ Kritischere Worte bringt sie trotz Nachfragens nicht über die Lippen. Beim Abschied murmelt sie: „Wenn einmal in hundert Jahren eine Ehebrecherin gesteinigt wird, vielleicht werden dann ganz viele Ehen gerettet?“
Iyman Alzayeds Ehe wurde jedenfalls nicht mehr gerettet: In einer hellen Wohnung am Rande Hannovers grübelt die Frau, umgeben von Umzugskartons, wo sie ihr Sofa platzieren soll. Sie beginnt neu, hat sich scheiden lassen. „Es wird jetzt schwer“, sagt sie, „aber ich will nicht von einem Mann abhängig sein.“
Iyman Alzayed, ausgebildete Lehrerin, hat in Niedersachsens öffentlichen Schulen Berufsverbot. Auch sie ist zum Islam konvertiert, trägt Kopftuch, weil „ich entscheiden will, wem ich meine Haarpracht zeige“. In ihrer Jugend in den Achtzigern, als sie mit ihrem alten Motorrad mit Beiwagen durchs Dorf sauste und den Kontrabass zupfte, hieß sie noch Iris. Sie tanzte auf Partys, bekam ein Kind, das heute keinen Schleier, sondern Piercing trägt. Dann lernte sie ihren Mann kennen. Sie transkribierte den Koran, Zeile für Zeile, in ein dickes Buch, stellte sich vor den Spiegel, setzte das Tuch auf, zog es über die Schultern, zunächst schüchtern, dann mit Stolz, „weil es mich schützt“. Sie begann zu fasten, zu beten und nennt sich nun „ooch, weil es doch ganz gut passt“, Iyman. Auch unter ihrem neuen Namen will sie für eine offene Gesellschaft eintreten: „Was im Iran gemacht wird, ist Unrecht. Ich bin gegen Zwang und Unfreiheit.“ Ob jemand aber seine Haare zeigen will, sei Privatsache, sagt sie.
Die Schulbehörden sahen das zunächst auch so. Trotz Schleier gaben sie ihr einen Posten. Als „kompetente, offene und sehr aufgeschlossene Pädagogin, die rasch unsere Herzen gewann“, beschrieb sie der Personalrat. Sie kaufte Buntstifte für den ersten Arbeitstag. „Als Muslimin hätte ich muslimische Eltern besser überzeugen können, keinen Zwang gegen Töchter einzusetzen“, sagt sie.
Dann traf dieser Eilbrief der Bezirksregierung Lüneburg ein. „Hochachtungsvoll“ wurde mitgeteilt, dass Schulkinder keinem „ihrer Überzeugung widersprechenden, religiösen Einfluss ausgesetzt sein sollen“. Eltern demonstrierten für Alzayed, Kinder setzten gar Kopftücher auf. Der Rechtsstreit füllt dicke Ordner. Vergebens. Jetzt unterrichtet sie erwachsene russische Aussiedler an der Volkshochschule. Auf Honorarbasis. „Mal sehen, ob ich damit auskomme.“
Selma Gümüs hält ein Urteil des Arbeitsgerichtes Dortmund in Händen: „Die weltanschauliche Neutralität darf kein starres Konzept sein“, steht darin geschrieben. Frau Gümüs hat gegen den Bergkamener SPD-Bürgermeister Roland Schäfer gewonnen, der ihr fristlos gekündigt hatte, weil er sicher war, dass sie sich „in schwerwiegender Weise ihren Verpflichtungen“ widersetzte. Ein erbitterter Kampf war das: Sie bot an, das Kopftuch gegen einen schwarzen Hut zu tauschen. Schäfer behauptete, in Bergkamen seien Staat und Kirche völlig getrennt. Der Beweis: In Bergkamens Tageszentren bringt nicht das Christkind, sondern der Weihnachtsmann die Geschenke. Schließlich hat er die Klage zurückgezogen, Gümüs darf wieder in der Kindertageseinrichtung Sprösslinge arbeiten. Mit Kopftuch und vierjährigem Sohn. „Hier ist ja auch meine Heimat“, sagt sie.
Selma Gümüs ist eines von neun Kindern türkischer Einwanderer. Anfang der Siebziger kamen die Eltern vom Schwarzen Meer in den Ruhrpott. „Sie haben mir die Religion schön gemacht“, sagt Gümüs. Der Vater sprach: „Bau dir dein Leben selber auf!“ Sie studierte, wurde nur einmal – „Geh doch in den Iran mit dem Kopftuch!“ – vom Lehrer beschimpft. Nur Schwimmen und gemeinsame Partys mit den deutschen Freunden, das gab es nicht.
Stets nahm sie ihr Kopftuch am Parkplatz vor dem Tagesheim ab. In ihrem Zeugnis steht: „Sie hat ein gewissenhaftes, ruhiges Verhalten.“ Vor zwei Jahren sagte sie zu sich selbst: „Jetzt stehst du dazu!“, und ließ das Tuch am Kopf. Die Eltern der Sprösslinge waren verunsichert. „Warum jetzt auch hier?“, fragten sie. – „Na ja, wegen des Glaubens“, antwortete Gümüs. Die Juristen der Stadt rückten die Frau – ohne einen Beweis zu liefern – in die Nähe der vielen Fundamentalisten, die sich hier in der Stadt auch tummeln. Das Arbeitsamt riet ihr fortzuziehen, „denn hier werden Sie nichts mehr finden“.
„Warum wurde mir mein Beruf aus der Hand gerissen?“, fragt Selma Gümüs. „Ich will doch keinen Gottesstaat. Ich bin Deutsche!“ Der Vater riet: „Kind, nimm das Tuch ab und geh arbeiten!“ Sie nahm lieber einen türkisch-deutschen Anwalt, Kaya Gercek, einen überzeugten Anhänger des Kemalismus, wonach Religion und Staat streng voneinander zu trennen sind. Der zitierte das Grundgesetz und sprach vor Gericht: „Frau Gümüs ist ein Musterbeispiel gelungener Integration.“
Die Angst vor dem Kopftuch scheint sich gelegt zu haben. Nur eine Mutter äußerte die Befürchtung, „dass mein Kind schreiend diese Einrichtung verlässt“. Das, sagt Gümüs, „war ein Schock für mich. Ich liebe die Kinder hier.“ Die Kollegen halten zu ihr. Dann erzählt sie noch von einer kleinen Beobachtung, draußen bei der Sandkiste. Die Kinder verkleideten sich als Piraten. „Nimm das Tuch ab!“, sagte ein Kind zu einem anderen, „das darfst du hier nicht tragen!“
Renate Karaoglan muss zu ihren Kindern auch oft „Das darfst du nicht!“ sagen. Wenn sie etwa hier im Klassenzimmer rumflitzen und wieder mal unter das graue Stück Stoff gucken wollen. Oft umarmen sie ihre Lehrerin auch. Hier, an der Max-Wittmann-Sonderschule in Dortmund, dürfen die Kinder das. Die 12-Jährigen pauken nicht Mathe und Physik, sondern lernen „lebenspraktische Fähigkeiten“: Zähne putzen, „Lesen mit Hand und Fuß“, oder einfach nur das Schnitzel schneiden. Seit 13 Jahren unterrichtet Karaoglan in dem Siebziger-Jahre-Bau. Geduldig füttert sie gelähmte Kinder, lehrt sie die Gebärdensprache. Eine Kollegin sagt: „Keiner nimmt Anstoß, und die muslimischen Eltern gehen lieber zu Renate.“
Das Tuch und diesen langen mausgrauen Mantel hat Renate Karaoglan, gebürtige Deutsche, nach der Hochzeit mit ihrem türkischen Mann angezogen. „Glaub ja nicht, dass ich Kopftuch trage“, hatte sie ihm noch gesagt. Jetzt tut sie es doch. Mit 22 Jahren, „es war so komisch!“, setzte sie es auf. Sie fand im Koran „die Offenbarung“. Dort stand, dass sie „ihre Scham bedecken“ sollte. Zunächst trug sie das Tuch nur bei der Tante, dann beim Gebet, dann auf dem Heimweg, schließlich auch beim Fotografen, der die Bewerbungsbilder schoss.
Ein Symbol des Schutzes, nicht der Frauenunterdrückung sei der Stoff. „Es ist nicht mein Anliegen, die Unterdrückung der Frau zu propagieren. Natürlich unterwerfe ich mich der freiheitlichen demokratischen Grundordnung“, sagt sie. Auch ihre Tochter habe sich mit elf Jahren entschieden, das Tuch zu tragen. Eine freie Entscheidung? „Als Muslimin ist es meine Aufgabe, mein Kind im Sinne des Islam zu erziehen. Auch ein Christ erzieht doch sein Kind christlich. Ich versuche meine Kinder vor Abweichungen vom islamischen Weg zu schützen.“ Im Alltag heißt das bei den Karaoglans: keine Partys, keine Flirts, kein Sex vor der Ehe. Ist sie nicht selbst auf Partys gegangen? Ja schon. Doch jetzt „fühle ich mich auf gemischten Geburtstagsfesten nicht wohl“. Also hat sie doch ihre Sitten geändert? „Der Islam“, sagt Renate Karaoglan, „er hat ewige Geltung!“ Die Scharia? „Ein Moslem kann unmöglich sagen, dass er gegen die Scharia ist.“ Dann fragt sie: „Sind Sie eigentlich gegen das Kopftuch?“
- Datum 11.12.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.12.2003 Nr.51
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