Am Columbus Day im Oktober 1939 traf der Wiener Buchhändler Hans P. Kraus mit dem Dampfer in New York ein – im Gepäck die Kopie eines Briefes des Amerika-Entdeckers Christopher Columbus von 1494. Mehr hatte er nicht außer Landes retten können in der kurzen Zeit, die ihm zur Emigration über Schweden blieb, nachdem er in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald interniert war. Schenkt man der viel zitierten Anekdote Glauben, war das eine der frühen Eingebungen, die Kraus einige Jahrzehnte lang zu einem der schillerndsten und einflussreichsten Antiquare des 20. Jahrhunderts machten: Kraus war es, der den Markt für mittelalterliche Handschriften überhaupt als solchen entdeckte und zum Blühen brachte. Intelligent sei Kraus gewesen, "mit untrüglichem Gespür für Qualität und einem überragenden Gedächtnis", sagt Heribert Tenschert, selbst einer der weltweit bedeutenden Händler für Manuskripte des Mittelalters und der Renaissance.

Hans P. Kraus starb 1988. Danach führte seine immer schon an den Geschäften beteiligte Frau Hanni Zucker das Geschäft noch 15 Jahre weiter. Als auch sie zu Anfang dieses Jahres starb, beschlossen die Erben, das Unternehmen mit der Handbibliothek, dem Inventar und der Immobilie an der 16 East 46th Street in New York zu verkaufen und boten es dem Auktionshaus Sotheby’s an. Dort hatte Kraus in seinen Glanzzeiten Weltrekordpreise für damals noch unterschätzte Manuskripte und Evangeliare geboten – das Geld hatte er dank eines üppigen Erbes seiner Frau. Konkurrenzlos sicherte er sich so beispielsweise Ende der fünfziger Jahre das "Helmershausener Evangeliar" für 32500 Dollar – damals eine Sensation. Und er verkaufte seine Erwerbungen gewinnbringend weiter. Seine Kunden waren unter anderem das Metropolitan Museum und der Aachener Sammler Peter Ludwig. Ihm verkaufte Kraus 140 illuminierte Handschriften. 1983 lancierte er dann den Verkauf der kompletten und über Jahre im Kölner Schnütgen Museum wissenschaftlich aufgearbeiteten Sammlung an den J. Paul Getty Trust in Kalifornien – ein Jahrhundert-Deal. Als Getty sich nur kurz nach dem Tod von Kraus von einigen dieser Werke wieder trennte, gingen die 16 besten Stücke zu Spitzenpreisen wieder an die Firma Kraus zurück.

Sotheby’s wertet es als "poetische Gerechtigkeit", wie es im Katalog blumig heißt, dass die Erben ihnen die 50000 Bände und das Gebäude, wo das Antiquariat von Anfang an seinen Sitz hatte, zum Verkauf anvertrauten. Damit trat das Auktionshaus bei den mehrtägigen Versteigerungen im November und Dezember als Eigentümer auf – was sonst selten der Fall ist. Die Erwartungen waren hoch: Neun bis zwölf Millionen Dollar, schätzte man, würde Kraus’ Sammlung einbringen. Der Erlös für die Druckwerke belief sich jedoch auf enttäuschende 5,1 Millionen Dollar. "Das hat sich Sotheby’s selbst zuzuschreiben", sagt Heribert Tenschert, der in Stein am Rhein ansässige Betreiber des Antiquariates Bibermühle. 50 bis 80 Prozent mehr hätte das Konvolut eigentlich bringen müssen, kritisiert er. Als groben Fehler wertet Tenschert, dass Sotheby’s das Inventar mit "einigen großartigen Werken aber auch vielem, was liegen geblieben war" in das Zentrum der Auktionstage gestellt hat. "Dabei war die Handbibliothek die geschlossenere Sammlung, und ihre sorgfältige Aufarbeitung hätte dem Vermächtnis von H. P. Kraus zur besseren Ehre gereicht." Stattdessen habe man sie auseinander gerissen und auf teilweise unintelligente Art und Weise zu 1138 Losen "zusammengehauen", die im Katalog nicht einmal alle genau beschrieben waren. So kam es, dass die Top-Ten-Preise der einzelnen Gebote zwischen 26400 Dollar und 7800 Dollar lagen. Insgesamt wurden die 1138 Positionen bei 194 Rückgängen für 1287258 Dollar zumeist in den internationalen Handel abgegeben.

Bei den Ergebnissen aus dem Inventar kann das Auktionshaus scheinbar glänzendere Zahlen vorlegen. Die Bibelübersetzung von Martin Luther – "Die gantze heilige Schrifft" auf Pergament, Wittenberg 1561 – brachte 344000 Dollar ein, was allerdings weniger ist als die untere Schätzung. Als zweitteuerstes Werk verkaufte sich Bernardus Claravallensis’ (Bernard de Clairvaux’) Apologia ad Guilielmum Sancti Theodorici abbatem aus der Mitte des 12. Jahrhunderts dagegen besser als angenommen: Der Verkaufspreis von 209600 Dollar lag über der Taxe von maximal 200000 Dollar. 121 der 651 angebotenen Lose gingen zurück, der Erlös betrug 3,817 Millionen Dollar – ein Anzeichen dafür, dass das Auktionshaus weder mit seinem Besitz noch dem Andenken von Hans P. Kraus glücklich verfahren ist. Aber vielleicht rückt ja der Verkauf der Immobilie bei Sotheby’s Realty die Zahlen wieder zurecht.