Sic transit gloria mundi – so banal kann ein Künstlerkreis enden, gehen erst die Interessen so weit auseinander, dass es mit Gesundbeten, mit der unausgesetzten gegenseitigen Versicherung, man sei die tollste und aller-ausgeflippteste Szene, allein nicht mehr getan ist. Im Sommer 1917 war bei den Zürcher Dadaisten der Totalschaden da. Hugo Ball, der vielleicht kreativste Kopf dieser international besetzten Gruppe, und Tristan Tzara, der Produktmanager, die im Vorjahr zu den Gründervätern des undergroundigen „Cabaret Voltaire“ gehörten und Betreiber der Avantgarde-Galerie Dada waren, verkehrten nun hauptsächlich über den Anwalt miteinander.

Die wichtigste Phase des Dadaismus endete also mies; mit dem üblichen allzu bekannten, trostlosen, gegenseitigen Aufrechnen; mit dem Balgen um die Hardware. Danach lebten Ball, Emmy Hennings (vordem die angesagte „Stimme Zürichs“, das Zugpferd des Cabaret Voltaire) und Hennings’ Tochter Dada- und Zürich-fern und hochbeschäftigt, wenn auch in permanenter Geldnot, im Tessin. Ball hat Zürich nicht gemocht. Auch die Schweizer nicht, mit deren Fremdenpolizei der Emigrant schlechte Erfahrungen gemacht hat. Bekannt ist sein böses, ungerechtes Wort: „Die Schweizer neigen mehr zum Jodel als zum Cubismus.“

Eine unkonventionelle eheliche Partnerschaft lebten diese Balls: Den Großteil der Zeit waren sie – jeder für sich – auf Recherche-Reise, für neue Buchprojekte. Jahre später, 1924 – der gewesene Performancekünstler und Galeriedirektor hatte noch drei Jahre zu leben –, versucht der stets asketische Hugo Ball mit Tzara eine erneute knappe Kontaktaufnahme („Sind Sie mir noch böse?“). Alles vergeblich. Eine Antwort ist nicht erhalten.

Doch schon in der Anfangsphase des Dadaismus hatte es Reibereien, Knatsch und Kräche gerade zwischen Ball und Tzara gegeben. Unausweichlich bei diesen in Typologie und Interessen so unterschiedlich gelagerten Antagonisten; und Ball und Hennings hatten sich schon einmal abgesetzt, vorübergehend, nach Ascona.

Noch an den Zürcher Entwicklungen, an Szenevorgängen des expressionistischen Deutschland anteilnehmend, wenn auch schon deutlich Distanz sich bemerkbar macht, schreibt Ball an Tzara im September 1916 (nicht wundern – auch mit den Arps war man durchgehend per Sie): „Lieber Herr Tzara, Ahhh, daß Sie meine neuesten Dämonologien nicht gesehen haben! Was sind Sie für ein unglücklicher Mensch!… Ich habe ein anderes System jetzt. Ich will es anders machen. Ich bin noch viel mißtrauischer geworden. Ich erkläre hiermit, dass aller Expressionismus, Dadaismus und andere Mismen schlimmste Bourgeoisie sind. Alles Bourgeoisie, alles Bourgeoisie. Übel, übel, übel.“ Die schwierigen Arbeitsverhältnisse der Emigrantenszene beim Namen nennend sowie die Mainstream-Rezeption klarseherisch vorwegnehmend, heißt es weiter: „Man wird sagen, sie haben in dieser Zeit mit Holz, Sand, Papier gemalt, weil sie das Geld nicht mehr hatten, Ölfarben zu kaufen. Und es geschah ihnen recht, wird man sagen.“ In Anspielung auf den Primitivismuskult der Pariser Modernen, wie er auch von den Zürchern spektakulär gepflegt wurde, lehnt Ball, provokant auf seiner Einzelposition beharrend, ab: „Negermusik? KAFFERNMUSIK! O lalalalalalalalalalalala!“

Um was für „neueste Dämonologien“ es sich handelte, wird zu Beginn der zwanziger Jahre auch nach außen hin deutlich. Ball macht einen gewaltigen Schnitt. Der streitbare Publizist von politischen Artikeln und quellengenauen kulturhistorischen Studien wie der Kritik der deutschen Intelligenz wendet sich, mit gewohnt ernster Konsequenz, dem katholischen Glauben zu – nach einer Generalbeichte konvertiert er. Klar, dass sich spätestens jetzt der cercle seiner Briefpartner ändert; wie auch die Presseorgane, in denen Hugo Ball publiziert. Waren es zuvor, während des Weltkriegs vornehmlich Zeitschriften der pazifistischen Emigration, ist es nun das Hochland, Blatt der Katholiken.

Ball will nun nicht mehr mit Franz Pfempfert, dem Herausgeber der Aktion, konkurrieren. Er erforscht die Zusammenhänge zwischen Exorzismus und Psychoanalyse (Hugo Balls Tod mit 41 Jahren an Magenkrebs verhindert das Buch – man hätte es gern gelesen); er forscht über das frühe (noch nicht durchorganisierte) Mönchstum des Vorderen Orients. Das erstaunliche, heute noch beachtliche Ergebnis erscheint 1923, das Byzantinische Christentum. Es ist heute noch ebenso lesenswert wie sein Tagebuch Die Flucht aus der Zeit, in dem er (da er es bearbeitet hat, bei gewissermaßen geänderter Kameraeinstellung) seinen Weg durch die verschiedenen Denkansätze, vom Nietzscheaner über den Erzvater Dadas zum Einsiedler in der Südschweiz, nachzeichnet – in allen Lebensabschnitten ist seiner strengen, geradezu auftrumpfenden Askese, seinem Dogmatismus etwas Anarchisches unterlegt. Wäre das Wort nicht so verbraucht, könnte man geradezu von Grenzgängertum sprechen.