RomanWitz und Wahn

Der Kroate Zoran Feriƒ schreibt eine balkanische Groteske von Dorothea Dieckmann

Wer Zoran Feriƒs grausam-komische Erzählungen kennt, den wird nicht wundern, dass sein erster Roman mit der ausladenden Beschreibung einer Beerdigung beginnt; dass es sich um den schlimmsten Tod, den eines Kindes handelt; und dass dabei nicht nur geweint, sondern herzhaft gelacht wird, wenn etwa die trauernde Mutter während der Zeremonie ihren Darm entleert oder die Kinder auf der Suche nach einer Kontaktlinse um den Sarg herumkrabbeln. heißt dies erste Romankapitel, und es schildert – wie der gleichnamige zweite Erzählungsband des Kroaten – die Welttragödie als Provinzposse. Kein Zufall, dass das Schicksal von Schönheit, Unschuld und Transzendenz mit einer Fußballmetapher besiegelt wird: Zwar spielt der Engel mit, doch die Regeln des Spiels verdammen ihn zu einer randständigen, ungültigen Existenz.

Mirna heißt die kleine Tote. Das Mikrofon streikt, der Pater kennt den Namen nicht, der Fischer Tomo verwechselt die Grabrede, der Advokat Maskarin reißt Weiberwitze, der Polizeichef Mungos erzählt Geschichten von früher, und alle sind, wie Mirnas Vater mit dem Spitznamen Globus, heutige Fußball- und ehemalige Schulkameraden des Erzählers Fero, der nach langer Zeit wieder hier, auf der Insel Rab, eingetroffen ist. Früher hat er Touristinnen flachgelegt und "Schwule geklopft", wahrhaftig kein harmloser Zeitvertreib; heute wird er in die Aufklärung eines Falles hineingezogen, der sich bald aufs Seltsamste mit Mirnas Tod verbinden wird. Die Prostituierte Marillena ist ermordet worden – sie ist das Mädchen mit den Schwefelhölzchen, denn sie hat in dem braven katholischen Städtchen den Tripper verbreitet.

Anzeige

"Polizist zu werden ist eine der Möglichkeiten, auf die ewige philosophische Frage zu antworten: ‚Warum sterben wir?‘ Auf den zweiten Teil dieser Frage: ‚Wohin gehen wir nach dem Tode?‘, antwortet die Priesterschaft. Und auf die dritte: ,Warum stinken wir als Tote?‘, versucht die Medizin zu antworten." Fero ist Pathologe. Sein Alter Ego, der Autor Feriƒ, betreibt die Poesie als Pathologie am lebendigen Leib. Das liebenswerte Durchschnittsbestiarium seiner Figuren stinkt; es strotzt vor Symptomen, blühenden, verdrängten, vorgeschobenen, erlittenen, simulierten. Der Tod lauert an allen Schauplätzen der Mittelmeeridylle. Goli otok, die jugoslawische Strafinsel, hat die Stadt mit Steinen versorgt; unweit lag im Tal ein italienisches Konzentrationslager, und vom nahem Küstengebirge tönen die Gefechte des ersten Krieges, denn es ist 1992. Doch der reale ist von dem imaginären Schrecken aus Legenden, Schauermärchen und Albträumen überlagert, und diese Schicht bildet mit Friedhof, Kloster, Irrenhaus, Weinkeller, Stripteaselokal, Vollmondstrand und nächtlichem Hafen das Interieur eines Romans, der sich als Krimi gibt und keiner ist.

Feriƒ interessiert das Ensemble von Zeichen, nicht die Todesursache; das Puzzle, nicht das fertige Bild; das Rätsel, nicht die Lösung. Und deshalb stolpert sein Held auf Heimaturlaub durch seinen mediterranen Kindheitsort, halb Schilda, halb Elm Street, und entdeckt an jedem Pflasterstein, an jeder Person Geschichten von Horror und Harmlosigkeit, Vertrautheit und Verdacht – Geschichten, die Feriƒs Meisterschaft in der kurzen Form erneut unter Beweis stellen. Irrwitzig beispielsweise die Episode mit den "grauen Bürgern", mannshohen Blechgestalten, die mit einem Mal überall in der Stadt stehen (und bald mit bunten Geschlechtsmerkmalen verziert werden): Die einen munkeln, es sei eine Warnung an Schuldner, die anderen von einem Gedächtnis an die Kriegstoten, wieder andere davon, dass die verbliebenen Serben gewarnt werden sollten – bis sich herausstellt, dass es sich um eine humanitäre Aktion aus Deutschland handelt, die an die Verkehrstoten erinnern soll.

Was ist Krimi, was menschliche Komödie? "Ich sehe auf die Weltkarte an der Wand hinter dem Polizeichef. Und auf das Kruzifix darüber. Damit klar ist, wer diese Welt zu verantworten hat." Wieso hat sich Globus sämtliche Körperhaare abrasiert? Ist es wahr, dass Pater Marijan in Goli otok vergewaltigt wurde? Wer hat die kleine Mirna exhumiert, und wer den toten Hund von Stipe Striptiz, genannt SS, dem Besitzer jenes Stripteaselokals, in dem Marillena arbeitete? Was hat das Pornovideo damit zu tun, in dem sie mit eben jenem Hund zusammen auftritt, und was die Kinder, die nachts wie Gespenster am Straßenrand auftauchen? Und wer reißt aus dem Krimis in der Bibliothek das Ende heraus? Feriƒ zitiert diese literarische Lösung, um uns am Schluss dennoch eine Variante zu präsentieren, wie sich diese Ingredienzen einer zwischen Tarantino und Katholizismus schillernden Groteske einer kriminalistischen Lösung zuführen lassen – wenn auch ohne Trost, ohne rechte Aufklärung: Es gibt einen Geständigen, und Fero, der Erzähler-Pathologe, soll seine Unterschrift unter ein gefälschtes Gutachten setzen, das den Täter entlastet.

Er zögert. Und so blickt man auf die Welt eines Autors, der, belehrt durch die Leiden und den Wahn seiner Landsleute, kein Urteil fällen will – trotz und wegen seines hellsichtigen Blicks, der Brutales und Rührendes mit unbeirrbarem Witz betrachtet. Er bewahrt die alten, erdnahen Tugenden des Kynismus, menschenfreundlich und sarkastisch, böse und warm, und es ist zuallererst seine Sprache, die, fern von Klamauk und Beliebigkeit, den Ernst im sprühenden Chaos bewahrt. Leider ist uns dieser Genuss durch die mangelhafte Leistung des Übersetzers vergällt, der mit seinem unbeholfenen Deutsch und seiner oft kruden Wortwahl schon Feriƒs kroatischem Kollegen Miljenko Jergovic einen Bärendienst erwiesen hat. Zoran Feriƒs leichter, zwischen Satire und Traurigkeit angesiedelter Ton hat ein besseres Sprachrohr verdient.

Zoran Feriƒ: Der Tod des Mädchens mit den Schwefelhölzchen Roman; aus dem Kroatischen von Klaus Detlef Olof; Folio Verlag, Wien 2003; 204 S., 19,50 ¤Der Tod des Mädchens mit den SchwefelhölzchenBelletristikkroatischRoman; aus dem Kroatischen von Klaus Detlef OlofZoran FericBuchFolio Verlag2003Wien19,50204Klaus Detlef Olof
Zur Startseite
 
  • Serie belletristik
  • Schlagworte Roman | Literatur | Pathologie
Service