Gedichte
Der Geruch des letzten Apfels
Lars Gustafssons großartige Gedichte über Gott, Schweden, das Universum und den Nachmittag
S eit ein paar Jahrhunderten ist Nachmittag. Zeit noch dies und jenes zu ordnen, ein paar Vorkehrungen zu treffen, eine Nachricht zu hinterlassen, noch einmal zurückzusehen, bald ist es Abend. Abschiedsstimmung.
Lars Gustafsson schreibt seit über 40 Jahren Gedichte. Vormittag in Schweden hieß einer seiner ersten Gedichtbände. Schnee lag damals auf den weißen Birken, und ein kleiner schwedischer Schienenbus riss den Himmel auf. Der Dichter ging übers Eis, und ein schwarzer Hund rannte landauswärts über das blanke Blau dem offenen Horizont entgegen. Das war 1964. Aufbruchstimmung.
Bei Lars Gustafsson, der 1936 in Västeraas/Mittelschweden geboren wurde, seit 1982 in Austin/Texas lebt und im kommenden Jahr wieder nach Europa zurückkehrt, hat der Lebenszyklus seine alten, natürlichen Rechte. Die lineare Zeit spielt keine Rolle, im Nu können die Verse die Jahrhunderte durcheilen – leichthändig vollzieht sich die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen –, doch darauf kommt es nicht an. Wichtig ist, ob Sommer oder Winter ist, Morgen oder Abend, ob man am Anfang oder am Ende des Lebens steht.
Mit dem neuen Gedichtband beginnt für Gustafsson der Nachmittag. Der Nachmittag des eignen Lebens und der Nachmittag unseres Zeitalters, das den hohen Mittag überschritten hat und noch nicht untergegangen ist. Am Nachmittag gibt es weder Euphorie noch Tragödie, weder Neubeginn noch Apokalypse. Es ist eine Zwischenzeit, Traumzeit, Wehmutzeit. Vieles meldet sich am Nachmittag des Lebens zurück. Unaufgefordert und noch ohne den beißenden Geruch des endgültigen Verlustes. So taucht in nachgerade unverschämter Schönheit das alte Schweden aus dem Dunkel der Erinnerung auf, Bilder eines Hochsommers, wie es ihn nur am Vormittag des Lebens gab:
Und dann Hochsommer
Nicht das, was ihr bloß so nennt,
sondern etwas Stärkeres:
ein richtig altmodischer Hochsommer,
mit Hummelgebrumm und der diskreten
Argumentation des Wiesenknarrers,
der zugleich weit weg ist
und tief drinnen im Ohr.
Das war einmal Europa: Kraniche zogen übers Land, magere Birken standen im Strom, in den Espen mischte sich der Wind mit dem Geräusch des Wassers, in den endlosen Sumpfwiesen wogte das Schilf, und Vögel flogen wie noch nicht geträumte Träume über den Himmel. Der Dezember war damals noch ein Monat, in dem man eigentlich aufhörte zu sein, „man wurde eine Parenthese im Dunkel“, vergeblich wurden Laternen und Kerzen angezündet. Und in den „weißen, eigentümlich sinnlosen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr“, betrat man, auf dem Weg nach Hallstahammar, endgültig eine „ältere Welt“, in der alte Leute mit Tretschlitten unterwegs waren und sich niedrige Häuserzeilen unter verwilderten Apfelbäumen wegdrücken:
Und all das war ein mürrisches, störrisches Altschweden
mit Gebetshaus, Walzwerk, Wasserfall.
Und dem Geruch des letzten Apfels,
der im spröden Gras des Winters liegen blieb.
Der dort „für immer“ liegen blieb.
Man liest das und denkt, was Gustafsson denkt: wie arm die „neuere“ Welt geworden ist und dass die Kraniche und Tretschlitten, die Wiesenknarrer und die raschelnden Sumpfbinsen ein Versprechen von Glück mit sich genommen haben, das nicht mehr zurückkommt und für das es keinen Ersatz gibt. Es ist keine heile Welt, die dort zusammen mit den letzten Äpfeln im Gras liegen geblieben ist. Aber es ist eine Welt der sinnlichen Genauigkeit, die sich am Nachmittag des Industriezeitalters endgültig von uns verabschiedet hat und doch in jedem Leben noch einmal für ein paar Tage zu Besuch kommt. Eigentlich, schreibt Gustafsson, waren es nur vier kurze schwedische Winter, die er – versunken in die Untersuchung rostiger Fahrradschlösser und der griechischen Grammatik – auf dem Gymnasium verbracht hat. Und doch schienen ihm diese vier Winter so groß und so lang wie ein halbes Leben. Das Gedächtnis verbündete sich damals noch mit den Dingen. „Heutzutage vergeht so etwas schnell“, weil die Wahrnehmung an allem abgleitet und die Sinne in der Kunststoffwelt keinen Halt finden.
Aus allerhöchster Warte betrachtet – und Gustafsson hat eine Schwäche für den philosophischen Jägersitz –, aus allerhöchster Warte also werden diese alteuropäischen Sentimentalitäten allerdings gleichgültig. Sie gehören dem Kapitel „Reminiszenzen“ an. Im Kapitel „Philosophien“, dem gewichtigsten des Bandes, geht es nicht länger um sinnliche, sondern um geistige Gewissheit. Was ist die Zeit, welche Farbe hat der Schatten, und wie sah die Welt in den Augen der Vorfahren, zum Beispiel in denen der Urkrebse aus?
Die kambrischen Kristallaugen der Trilobiten
sahen eine Welt, die vielleicht
etwas mit der unseren verband,
ein Jahrmillionen altes „Vielleicht“,
das grau geworden ist
und unterwegs
still verwitterte.
Von Heidegger, Frege und Athanasius ist in diesem Kapitel die Rede und davon, dass man die Existenz als etwas beschreiben kann, das ein Wert x auf einer Variablen f abgibt. Spekulationen, Absurditäten. Gedankenlyrik eines emeritierten Sprachphilosophen: Philosophieren in Gedichten nennt Gustafsson so etwas. Mit betörenden Gedankenspielen zieht er uns ins Gespräch, tüftelt gemeinsam mit dem Leser an den Fragen des Seins wie an einem ausrangierten Motor. Wohin gehören nur all diese Schrauben, die alten Schuhe, die Erinnerungen, die Onkel, die irgendwo in Schweden weit draußen zwischen den Seen auf einer altmodischen Veranda Karten spielen, und was tun mit dem „armen Universum, das allein herumirrt und vergeblich eine Variable sucht, um ein Wert darauf zu sein“?
Stärker als in den naturschönen altschwedischen Gedichten kommt in den philosophischen der romantische Witz zum Einsatz, der das Überraschendste zusammendichten und -denken kann. So stehen Russell, Superman und ein Tennisball gleichberechtigt in einer Beweiskette, deren poetische Summe die Existenz ergeben soll. Darin ist ein trockener, lebensnaher Humor, eine schier grenzenlose Lust am Spiel und eine Leichtigkeit, die man für texanisch halten könnte, wenn sie sich nicht so liebenswert mit dem Grüblerischen verbündete.
Alles zusammengenommen, ist dieser Band nicht nur trefflich übersetzt von zwei Virtuosen der Übertragungskunst, sondern auch zutiefst zeitgemäß: vor- und rückwärtsgewandt zugleich, naive und sentimentalische Dichtung. Altmodisch in der Trauer um die einfachen und selbstverständlichen Anschauungen, die nur noch in den Versen überwintern. Und naiv im unbefangenen Experiment, das keine Rücksicht kennt und alles wie zum ersten Mal erforscht. Was wäre zum Beispiel „ein Anfang“? Ein Anfang, das könnte sein, wenn „der Wind den Regen über lichtgrüne Felder bläst und wenn keiner mehr die geballte Angst im Magen spürt“. Ein Anfang müsste etwas sein „aus Wind und aus Licht“, halb irdisch, halb überirdisch, wie das Gedicht, das solche Fragen stellt.
Eine befreiende Sinnlosigkeit spricht aus solchen Versen. Der vorletzte, nachmittägliche Eindruck von der Welt ist der eines Wunders, das auf nichts hinausläuft: Einzigartig, einmalig schön ist es hier unten, auch wenn es da oben keiner sieht, und wir selber es morgen schon vergessen haben.
Gedichte; aus dem Schwedischen von Hans Magnus Enzensberger und Verena Reichel; Hanser Verlag, München 2003; 99 S.,14,90 ¤
- Datum
- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 11.12.2003 Nr.51
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