Kriminalroman Gottes Tochter, ein sturer Hund und böses Blut

Überblick über die sehr gemischte Krimi-Produktion dieses Jahres

Als Joseph Beuys die Regel aufstellte, jeder sei ein Künstler, hätte er wenigstens eine Ausnahme machen sollen: die Hobby-Autoren. Unter den 129 Schreibern, die 2003 ein selbst verfasstes Werk ins Rennen um den „Glauser“, den Preis der deutschen Krimizunft, sandten, befinden sich 25 Anfänger. Wer eine Tastatur sein Eigen nennt, glaubt sich schon zum Mörder-und-Detektiv-Spiel berufen. Pfarrer, Ärzte, Journalisten, Kriminalbeamte und zuletzt auch Steuerberater (2003 bestaunte man den ersten deutschen „Steuerberaterkrimi“) gießen ihr Herz aus und finden Verleger. Nur die Schuster bleiben bei ihren Leisten.

Was tun eigentlich all diese Menschen, wenn sie arbeiten? Es muss um die innerbetriebliche Demokratie schlecht bestellt sein. Statt für Seelen zu sorgen, die Riester-Rente zu erklären oder Zähne zu ziehen, drängen sie an die Öffentlichkeit, platzen fast vor Enthüllungsdruck. Da schreibt sich eine Kriminalbeamtin den bei der Karriere erlittenen Demütigungsschmerz von der Seele. Und hat nichts Besseres im Sinn, als ab Seite 15 das klassische Lore-Finish anzusteuern. Sanfte Heldin verknallt sich in rauen Chef.

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Wer etwas zu meckern hat, wird es los: im Krimi. Besonders schlimm hat es die Theologen getroffen. Während die Kirchenoberen eine Station nach der anderen schließen (in Hamburg wird gerade die Evangelische Akademie dichtgemacht) und nur mehr allein auf den Herrn und den Charme ihrer Immobilien setzen, wildert das mittlere Management in criminalia aus. So massenhaft, dass das sonst eher auf Erbauungsschriften abonnierte Gütersloher Verlagshaus sich gar zu einer eigenen Taschenbuchreihe mit Kirchenkrimis verstieg (div. Titel, circa 150 bis 170 S., 8,50 ¤). So ein Kirchenkrimi geht forsch zur Sache. Vor dem Frühstück gibt’s scharfen Ehebruch mit dem Pastor, mittags dann ein ökumenisches Abendmahl mit vergifteter Hostie. Röchel. Schon ist die frevelnde Pastorin tot. Auch auf den weiteren 130 Seiten bleibt kein Wort-zum-Sonntag- Thema ausgespart: Gentechnologie und Gier, menschenverachtende Wissenschaft und illiberale Orthodoxie. Achtung! Das ist keine Satire.

Der Krimi wird missbraucht als Themengrab. Selbst kluge Leute wie Frank Nowatzki, der Verleger des kleinen radikalen Labels Pulp Master, lassen sich über den Tisch ziehen. Irgendwo in Australien existiert unter dem Pseudonym Marcus Starck ein Exmanager. Der hat bei der Arbeit in einem australischen Online-Pornovertrieb ein bisschen Schmutz entdeckt. Und was tut er? Er kündigt einen Enthüllungsroman an. Prompt bekommt er Drohbriefe, sogar beim Verlag in Berlin muss die Polizei die Briefpost öffnen. Neben wilden Drohungen gegen SexDotCom (Maas Verlag; 380 S., 13,80 ¤) rieselt „harmloses Pulver“ heraus. Auch das den Feinden zum Trotz erschienene Buch ist harmlos, weniger aufregend als ein kalter Waschlappen. Selbst das Handelsblatt, das im Vorfeld kräftig an der SexDotCom- Sauce mitgerührt hat, gesteht ein, dass das dargestellte Wirtschaftsverbrechen – ein paar Abzocker ziehen einen Aktienschwindel im Erotikabusiness auf – recht „fade“ ist.

So sind die meisten Krimis gestrickt: wie Klein Hänschen sich das vorstellt. Statt das wahre Verbrechen, hier etwa den organisierten Massenbetrug der New Economy und seine politischen Hintergründe, sichtbar zu machen, werden ein paar Knallchargen aufeinander gehetzt. Crime sells – auch den größten Blödsinn.

Das bedeutet nun aber nicht, dass sich unter dem Bücherberg, der auch 2003 produziert wurde, nichts Lesenswertes befand. In den entlegensten Winkeln und an den unerwartetsten Stellen konnte man auf Kriminalromane stoßen, die saftige Literatur sind. Literatur nicht im Sinn derer, die den Kriminalroman immer noch als Entgleisung oder Schwundform des richtigen „großen“ Romans verstehen. Nein, als literarische Form eigener Kraft: Gute Kriminalromane erzählen Geschichten, die nur als Kriminalgeschichte erzählt werden können. (Das ist ja der Irrtum der Hobbyisten, man könne jede Geschichte und jeden Stoff als Krimi verpacken.)

Dass der zeitgenössische Kriminalroman alle literarische Kraft besitzt, das Verbrechen als täglichen Katastrophenfall unserer Gesellschaft anschaulich zu machen, bewies Buddy Giovinazzo in Potsdamer Platz (ebenfalls bei Pulp Master, 411 S., 13,80 ¤). Mit dem klaren Blick des Filmregisseurs für die Magie von Schauplätzen transponiert Giovinazzo die unbeschreiblichen Verbrechen, mit denen Sony, Debis & Co. ihre babylonischen Türme ins Zentrum von Berlin pflanzten, in einen ultrabrutalen Gangsterkrieg. Die US-amerikanische Bau-Mafia will den fetten Auftragsbrocken an sich reißen und expandiert ins alte Europa, die ortsansässigen Türken und Ukrainer verteidigen ihr Revier – und mittendrin ein Berufskiller, der nicht mehr töten kann. Klasse. Nicht, weil er etwas von Vergabebetrug, Bestechung und Fälschung von Kostenvoranschlägen versteht, sondern von der Gewalt in den Seelen und von der Sprache, mit der sie zum Ausdruck gebracht werden kann, hat Giovinazzo ein großartiges Buch geschrieben, das mehr über Berlin erzählt, als Tageszeitungen wissen.

Sogar einen kleinen literarischen Streit gab es 2003 um den Kriminalroman. Jan Costin Wagners Eismond (Eichborn Verlag; 306 S. 19,90 ¤; ZEIT Nr. 31/03) ist eine Studie über diejenigen, die vom Tode gepackt sind – ein Polizist, dessen Frau gestorben ist, ermittelt gegen einen Triebtäter. Das Scharmützel ergab: Es herrscht fruchtbare Verwirrung unter den Kritikern. Kaum erscheint ein Buch, das keinem festgelegten Genre- oder Subgenremuster gehorcht, geraten die Kriterien ins Strudeln. Es ist halt gerade mal 40 Jahre her, dass der Kriminalroman bei uns eingebürgert wurde, das Pflänzchen ist noch jung.

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