Der alte Streit über die Grenzen der Abtreibung ist in Großbritannien erneut ins Rollen geraten. Wegen einer Pfarrerin aus Chester müssen sich die Gerichte damit beschäftigen, ob eine Gaumenspalte Grund für eine Abtreibung sein darf. Geben Ärzte, die diese Indikation akzeptieren, allzu leichtfertig elterlicher Angst nach? Leisten sie gar einer Zuchtauslese Vorschub?

Der Streit begann im vergangenen Sommer. Damals verklagte die 27-jährige Pastorin Joanna Jepson den Polizeichef von Herefordshire, weil dieser sich weigerte, eine Ermittlung wegen rechtswidriger Tötung gegen ein Krankenhaus einzuleiten. Dort hatten die Ärzte – nachdem sie bei einem Fötus per Scan eine Hasenscharte und Gaumenspalte diagnostizierten – eine Spätabtreibung durchgeführt, und zwar in einem Entwicklungsstadium, in dem das Baby als Frühgeborenes mit großer Wahrscheinlichkeit überlebt und sich normal entwickelt hätte.

Joanna Jepson war darüber entsetzt. Schließlich wurde sie selbst mit einem missgebildeten Kiefer geboren. Doch die Verunstaltung ihres Gesichts wurde im Alter von 17 Jahren operativ behoben. "Als Teenager", sagt sie, "hatte ich eine schwere Zeit. Aber jetzt lebe ich ein erfülltes Leben. Dem getöteten Baby hat man diese Möglichkeit nicht gegeben."

Die Polizeibehörde verteidigte sich damit, dass sie den Rat der Standesvereinigung der Geburtshelfer und Frauenärzte eingeholt habe. Die hatte nichts gegen den künstlichen Abbruch einzuwenden. Das Abtreibungsgesetz erlaubt einen Abbruch nach dem sechsten Schwangerschaftsmonat, wenn das Kind mit einer schweren Missbildung zur Welt käme, die, so das Gesetz, "eine sinnvolle Lebensführung verunmöglichen" würde.

Eines von 700 Babys kommt mit einer nicht geschlossenen Oberlippe, mit einer Spalte in der Mittellinie des weichen Gaumens, oder, in den schlimmsten Fällen, mit einem Bruch im harten Gaumen zur Welt. Die Ursache ist vermutlich eine Kombination von genetischen und nicht-genetischen Faktoren. Rauchen während der ersten Schwangerschaftsmonate erhöht das Risiko. Schon im19. Jahrhundert wurden diese Missbildungen chirurgisch korrigiert. Heute behandelt man sie obendrein kieferorthopädisch und sprachtherapeutisch. Das dauert manchmal, bis Jugendliche ausgewachsen sind, ist aber fast immer erfolgreich.

Dennoch führten britische Klinken in den letzten acht Jahren 26 Abtreibungen wegen Gaumenspalten und Wolfsrachen durch, zwei davon nach der 24. Schwangerschaftswoche. Die Gesellschaft für den Schutz ungeborenen Lebens, die Abtreibungen prinzipiell ablehnt, stellte sich umgehend hinter Frau Jepsons Kampagne. Die besteht aber darauf, sie sei keine Parteigängerin der radikalen Pro-Life-Bewegung, ihr gehe es um die Bekämpfung eines gesellschaftlichen "Perfektionskults" und einer "zunehmenden Toleranz von Eugenik". Die Pastorin, deren Bruder mit Down-Syndrom auf die Welt kam, wendet sich vor allem gegen die Geringschätzung Behinderter, die in solchen Abtreibungen implizit zum Ausdruck komme.

Schon 1990 warnten zwei Juraprofessoren aus Oxford, eine damals vom Parlament verabschiedete Modifizierung des Abtreibungsgesetzes ermögliche "kosmetische" Schwangerschaftsabbrüche. Lord Steel, ehemals Vorsitzender der liberalen Partei und Architekt des Gesetzes, nannte die Intervention aus Oxford einen "böswilligen Angriff auf die Ärzteschaft". Er hält bis jetzt daran fest, das Gesetz benötige keine Klarstellung. Die Leiterin des britischen "Pregnancy Advisory Service" erklärt, man müsse die Entscheidung über eine Abtreibung in jedem Fall der Mutter und den Ärzten überlassen. Politiker und Juristen sollten sich da heraushalten.

Die kämpferische Pfarrerin aus Chester verlor in der ersten Instanz. Sie ließ sich nicht beirren. Vergangene Woche entschied der Londoner High Court, dass ihr der Rechtsweg in die Berufung offen stehe. Die Richter befanden, der Fall werfe ungelöste "rechtliche und das Gemeinwohl betreffende Fragen" auf. Eine Entscheidung, die nicht nur eingeschworene Abtreibungsgegner begrüßten. Schließlich wird eine Indikationenlösung ad absurdum geführt, wenn fragwürdige Abbruchskriterien sie ihrer ethischen Substanz berauben.