rundfunkpianistinWaren so kleine Hände

Ein Beruf, den es nicht mehr gibt: Rundfunkpianistin. Erinnerung an Maria Bergmann von M. Weber

Berlin, nee, Berlin war überhaupt keine Wolke gewesen für Maria Bergmann, denn als sie im April 1940 anlangte in der Reichshauptstadt, um mit ihren gerade mal 22 Jahren nach dem Musikexamen in Wiesbaden Karriere zu machen, stand erst einmal der windige Konzertagent nicht mehr zu seinem Wort. Zudem war es kalt. Die Pension in der Fasanenstraße erwies sich als viel zu teuer. Und der russische Pianist und Pädagoge Wladimir Horbowski, bei dem Maria Bergmann, die halbe Autodidaktin aus dem Odenwald, noch ein paar Kniffe dazulernen sollte, verlangte das Äußerste von seiner neuen Schülerin an Disziplin und Perfektion. Schließlich schrieb der Präsident der Reichsmusikkammer sehr wohlwollend an den Apotheker Adam Herbert, der seine Nichte Maria damals finanziell unterstützte, und bat, wenn möglich, um weitere pekuniäre Zuwendungen. "Fräulein Bergmann", heißt es in dem Brief, "ist von Natur aus anderen Klaviertalenten gegenüber insofern etwas im Nachteil, als sie ziemlich kleine Hände hat. Sie ist deshalb in besonderem Maße darauf angewiesen, die Grundlage einer virtuosen Spieltechnik durch zähe Arbeit nach allen Seiten hin zu sichern." Der Onkel hörte die Nachtigall wohl trapsen. Die wollten doch nur sein Geld. Und Maria Bergmann musste nach drei Monaten wieder heimkehren.

Der Berliner Aufenthalt – später schloss sich ein ungleich glücklicherer mit einigen erfolgreichen Konzerten an – hatte freilich den vom Onkel nicht beabsichtigten Nebeneffekt, dass die junge Bergmann ungleich klarer sah, wo sie eigentlich stand. Zur Überfliegerin war sie nicht geboren. Also würde sie hübsch am Boden bleiben.

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Als auch das Land selbst fünf Jahre später wieder bei den Tatsachen angekommen war, schlug die Stunde solcher Pragmatiker, die gleichwohl das Schwärmen nicht verlernt hatten, und zu denen gehörte Maria Bergmann auf jeden Fall. Mit der E-Dur-Suite von Bach und der frühen D-Dur-Sonate von Beethoven im Handkoffer und im Herzen fuhr sie von der amerikanischen Zone in die französische – nach Baden-Baden, um sich bei einem gerade erst gegründeten Sender vorzustellen. Das Spiel von Maria Bergmann gefiel. Besonders gefiel es dem skurrilen Musikabteilungsleiter Heinrich Strobel. Die Frau hatte Erfahrung beim Begleiten und Korrepetieren. Sie sah so aus, als ob sie arbeiten könne. Und sie konnte es. Maria Bergmann wurde fest angestellte Rundfunkpianistin beim Südwestfunk. Fast 40 Jahre adelte sie fortan einen Berufsstand, den es heute nicht mehr gibt.

Anfänglich fehlte es natürlich an allem. Der Flügel war nicht immer verfügbar, die Noten kamen mit den zu begleitenden Musikern erst in allerletzter Sekunde, und trotzdem war Maria Bergmann immer da, wenn das rote Licht anging: Seriös im kammermusikalischen und sinfonischen Umfeld, aber auch spontan und gewissermaßen notgedrungen klug flickschusternd, wenn wieder einmal Sendeminuten überbrückt werden mussten, die ohne das Spiel von Maria Bergmann Rauschen im Radio geblieben wären. Insgesamt 2700 Aufnahmen nennt heute der SWR-Computer, wenn der Name Maria Bergmann eingetippt wird (sie starb im Jahre 2002), und wer mit dem Finger die Listenkolonnen hinunterfährt, tut dies mit großem Respekt. Es gibt nämlich zwischen der Klaviersonate von Jean Absil, Arietten von Vincenzo Bellini, dem Konzert für Bratsche mit Klavier von Karl Amadeus Hartmann, Richard Strauss’ Burlesken, Michael Tippets Violinsonate und Alexander Zemlinskys Liedern wirklich fast nichts, was Maria Bergmann fremd geblieben wäre, im Gegenteil: Das Exotische, Unbekannte, Neue, Schwere hat sie immer angezogen, und so häuften sich über die Jahre hinweg auch die Grußadressen und Dankesbekundungen von Karlheinz Stockhausen, Luigi Nono und Pierre Boulez auf Maria Bergmanns Flügeldeckel.

Donaueschinger Konzerte der fünfziger und sechziger Jahre fanden selten ohne sie statt. Und wer Maria Bergmann nun beispielsweise noch einmal Anton Weberns Variationen für Klavier, op. 27 spielen hört (auf einer ihren Lebenserinnerungen beigegebenen CD), vernimmt eine mustergültige Analyse: Präludium, Scherzo-Teil, Synthese. Mögen andere einen Geniestreich veredeln (wie etwa Krystian Zimerman): Maria Bergmann spielt Webern als Gebrauchsstück.

Man soll, das ist der Impetus, damit als Hörer etwas anfangen. Mitdenken. Auch ihre Aufnahmen der Haydn-Sonaten haben diesen Ausgangspunkt im Pädagogischen. Sie gehen weit über ein Vom-Blatt-Spielen hinaus, aber sie wollen fürs Erste nicht deuten (wie Alfred Brendel, wie Ivan Morac), sondern vermitteln, zeigen: Das wäre Haydn; es sind mehr als Umrisse. Wer eine Zeit lang mit Maria Bergmann als Hörer groß geworden ist, bleibt für jedes musikalische Abenteuer bereit.

Maria Bergmann spielt Joseph Haydn

(hänssler 93.081)

Maria Bergmann: Ein Leben für Musik und Funk

Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1998, 183 S., 15,–Euro

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