Bevor Dieter Sauerbier und Johan Homburg zu dem Toten nach Nürtingen fahren, gehen sie erst einmal gut schwäbisch essen. In einer Gaststätte lassen sie sich Maultaschen und Kartoffelsalat schmecken. Die beiden Thanatopraktiker brauchen Stärkung, denn sie werden in dieser Nacht hart arbeiten.

Im Bestattungsunternehmen von Homburgs Freundin wartet auf sie der Leichnam von Thomas K. Der 24-Jährige starb bei einem Verkehrsunfall in der Nähe von Wien. Als ihn seine Frau in der Gerichtsmedizin identifizierte, war sie schockiert. Schädel und Kiefer waren so zertrümmert, dass K. kaum noch zu erkennen war. "Wir werden dafür sorgen, dass Herr K. offen aufgebahrt werden kann, damit sich seine Frau von ihm verabschieden und später ohne Schrecken an ihn denken kann", sagt Sauerbier. "Es ist der letzte Blick auf einen Toten, der in Erinnerung bleibt."

Die beiden Bestattungsunternehmer wissen, dass der Abschied am Sarg der erste Schritt der Trauerbewältigung ist. Bleibt den Hinterbliebenen der letzte Blick auf den Gestorbenen verwehrt, kann das tragische Folgen haben. Sauerbier kennt Fälle, bei denen sich der Mann bei der Beerdigung auf den Sarg seiner Frau warf, der Sohn den toten Vater immer wieder auf der Straße zu sehen glaubt, die tote Mutter durch die Albträume der Tochter geht. Eine offene Aufbahrung, bei der die Angehörigen den Toten sehen, berühren, begreifen können, dass er tot ist und nicht wiederkommt, ermöglicht den Abschied und hilft den Lebenden, ihren Frieden mit den Verstorbenen zu machen. Aber was, wenn der Tote so aussieht, dass man ihn nicht aufbahren kann, so wie Herr K.?

Frankreichs Tote sind schöner

Dann ruft man Leute wie Dieter Sauerbier und Johan Homburg, Experten für "Thanatopraxie", die praktische Arbeit an Toten. Etwa 49 Thanatopraktiker gibt es in Deutschland, dazu einen zweiten Berufsverband mit rund 40 Mitgliedern, die sich Thanatologen nennen. Ihre Arbeit beginnt nach entstellenden Unfällen und Selbstmorden oder nach dem Tod von Patienten, die mit Chemo- oder Strahlentherapie behandelt wurden und in deren Körper chemische Prozesse eingesetzt haben, die eine offene Aufbahrung sonst unmöglich machen würden.

Sauerbier ist 35 Jahre alt. Als er 16 war, starb sein Großvater. Tischlerlehrling Sauerbier bettete "den Opa selbst in den Sarg ein". Mit der Bestattung war er nicht einverstanden; ihm gefiel die Atmosphäre nicht, die Anonymität des Aufbewahrungsraums, die Friedhofskapelle, der Geruch. Seitdem will er zeigen, "dass es auch anders geht". Als sich 1995 die Gelegenheit bot, kündigte Sauerbier seinen Job als Beamter der Berufsfeuerwehr und kaufte in Büren ein Bestattungsunternehmen. Johan Homburg ist 40. Er war Sportmasseur, Elektriker und Druckformenhersteller, bevor er in Esslingen und Winnenden als Bestatter zu arbeiten begann.

Um 23 Uhr stehen Sauerbier und Homburg in einem gekachelten Raum des Beerdigungsinstituts, einer Mischung aus Operationssaal und Frisiersalon. Neonlicht, anatomische Zeichnungen an der Wand, Chirurgenbesteck, ein Wagen mit Kamm, Shampoo, Schminke. Auf dem Edelstahltisch liegt der Tote. Sauerbier und Homburg ziehen OP-Kittel an, Schuhe, Anzüge und je zwei Paar Plastikhandschuhe. Das zweite Paar Handschuhe wird nach jedem Arbeitsschritt gewechselt und sorgt dafür, dass die beiden Thanatopraktiker bei ihrer Arbeit nicht Schubladen oder Bürsten mit blut- oder sekretverschmierten Handschuhen berühren. Ärzte füllten Todesbescheinigungen oft nachlässig oder unvollständig aus, erklärt Sauerbier, "wir haben es auch mit Toten zu tun, die Tuberkulose, Hepatitis B oder C haben oder HIV positiv sind – obwohl das Infektionsschutzgesetz in diesen Fällen ein Einbetten, Ankleiden und Abschiednehmen nicht gestattet, sondern ein sofortiges Schließen des Sarges verlangt".

Mit einer chirurgischen Schere öffnet Homburg links und rechts am Hals des Verstorbenen die Schlagadern. Ein Apparat pumpt eine Flüssigkeit in die Arterien und drückt das Blut von Thomas K. aus dem Körper. Die Flüssigkeit, die in die Adern des Toten fließt, enthält Formalin. Es desinfiziert den Körper, verhindert Geruchsbildung, verzögert die Verwesung und riecht scharf.