Später Freitagnachmittag im Bundestag, die Abgeordneten zieht es ins Wochenende. Da flüstert der Chef der kleineren Oppositionsfraktion seinem Kollegen von der größeren Regierungspartei zu: „Ihr bekommt Probleme.“

Der Oppositionspolitiker tritt ans Rednerpult und begründet seinen Entschließungsantrag zum Thema Menschenrechte und Außenpolitik. „Ich möchte Sie (…) auffordern, diesem Antrag zuzustimmen oder – das wäre uns noch lieber – den Bundesaußenminister zu veranlassen, eine (…) Erklärung hier und heute abzugeben.“

Doch der Außenminister verweigert die gewünschte Erklärung. Also Abstimmung. Der Bundestags-Vizepräsident ordnet Hammelsprung an. Dann gibt er das Ergebnis bekannt: „Für den Antrag haben 268 Abgeordnete gestimmt. Mit Nein haben 225 gestimmt. Es gab 5 Enthaltungen.“

Es ist der 10. November 1995. Soeben hat ein moralisch auftrumpfender Joschka Fischer, Fraktionschef der Grünen, der Regierung Kohl ihre bis dahin schwerste Abstimmungsniederlage beigebracht. Der Hintergrund: Außenminister Klaus Kinkel wollte seinen iranischen Kollegen Welajati partout nicht von einer Konferenz über „Europa und die islamischen Staaten“ auf dem Bonner Petersberg ausladen, obwohl Irans Präsident Rafsandschani wenige Tage zuvor die Ermordung des israelischen Premiers Rabin als „Strafe Gottes“ bejubelt hatte. Ausgerechnet Klaus Kinkel, der sich beim Thema Menschenrechte in biblischen Zorn hineinsteigern konnte, musste sich der Liebedienerei vor dem Regime in Teheran zeihen lassen. Wo war nur sein Fingerspitzengefühl geblieben?

Der Vizekanzler schluckt Kröten in jeder Größe und Menge

Und wo bleibt heute, fragen die Parteifreunde von Kinkels Nachfolger, Joschka Fischers Fingerspitzengefühl? Verlegen wand sich der AA-Chef bei allen Fragen zur China-Reise seines Kanzlers, bis es unterm rot-grünen Dach lichterloh brannte.

Nun sind die Erwartungen an die Außenpolitik von Rot-Grün schon lange nicht mehr besonders hoch. Mögen die Anhänger der Koalition beim Regierungswechsel 1998 gehofft haben, unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer würden Demokratie und Menschenrechte, Ökologie und soziale Gerechtigkeit das staatliche Handeln auch nach außen bestimmen, so wurden sie bald eines Besseren belehrt. Von Peking bis Teheran, von Moskau bis Riad folgt die rot-grüne Diplomatie dem klassischen Muster kühler Interessenpolitik. Und das deutsche Interesse wird von dieser Regierung noch enger wirtschaftlich definiert als von ihrer konservativen Vorgängerin. Wenn Gerhard Schröder zu einer seiner Verkaufstouren aufbricht, geht ihm leicht das Gespür für Maß und Stil verloren.

Konsterniert hatte Joschka Fischer verfolgt, was sein Chef in Asien anrichtete. Natürlich war der Außenminister schon seit Monaten darüber unterrichtet, dass Siemens einen Antrag für den Export der Hanauer Brennelementefabrik gestellt hatte. Aber dass Gerhard Schröder in China gleich einen Großangriff auf die grüne Seele starten würde, hat ihn überrascht – und verbittert. Das Krisengespräch unter vier Augen beim Mittagessen am vorigen Sonntag bekam einen ultimativen Ton. Schröder hatte in China ja nicht nur versprochen, den Nuklearexport wohlwollend zu prüfen; er zeigte auch großes Verständnis für Pekings Taiwan-Politik und kündigte an, das EU-Waffenembargo lockern zu wollen.