Geschichte Auf den Trümmern des Kapitols

Noch heute ist es ein Genuss, Edward Gibbons klassisches Werk über den Untergang des Römischen Reiches zu lesen

Ah, wieder so ein verdammt dickes, komisches Buch!“, entfuhr es dem Herzog von Gloucester, als er den zweiten Band von Decline and Fall of the Roman Empire 1781 in Händen hielt. Lesen muss-te man das Werk dennoch, denn sein Verfasser, der Privatgelehrte und Amateurhistoriker Edward Gibbon, schrieb glänzend, zählte zu den literarischen Berühmtheiten Englands und war immer für einen Skandal gut. Schon der erste Band von 1776 hatte die Theologen in Cambridge und Oxford in Rage versetzt. Darin hatte Gibbon, der einstige Konvertit und spätere Katholikenfresser, den Fanatismus und die Heuchelei des Christentums an den Pranger gestellt. Seine höhnische Abrechnung mit der Religion der Väter provozierte die Frommen in ganz Europa. Ihre Schmähreden machten den scharfzüngigen Autor nur noch berühmter. Der Verlag kam mit dem Druck neuer Auflagen kaum nach.

1788 lagen sechs Bände über den Verfall und Untergang des römischen Imperiums vor, die die Geschichte Roms von der Mitte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453 darstellten. Als Gibbon 1794 an den Folgen einer Operation starb, war das Werk bereits ein Bestseller. Im Nachruf des Gentleman’s Magazine hieß es, Gibbons Darstellung werde vermutlich so lange Bestand haben wie die englische Sprache überhaupt. Erste Übersetzungen wurden noch vor Abschluss des Gesamtwerkes begonnen. Auch in Deutschland war Gibbon bald in aller Munde. Der Historiker wurde kritisiert, der Schriftsteller bewundert. Selbst Helmuth von Moltke, der spätere Chef des preußischen Generalstabs, hatte eine Übertragung in der Schublade.

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Der Deutsche Taschenbuchverlag hat jetzt die ersten 38 Kapitel des Werkes in einer neuen und vollständigen deutschen Übersetzung vorgelegt. Sie beschränkt sich auf Gibbons Darstellung der Zeit von Mark Aurel bis zum Untergang des Weströmischen Reiches, mithin auf die stärksten Partien, die Gibbon selbst am meisten schätzte. Hinzugegeben sind die Allgemeinen Betrachtungen über den Untergang des Römischen Reiches im Westen sowie wichtige Dokumente zu Biografie und Œuvre des Autors. Die Übersetzung ist, von kleineren Versehen und Inkonsistenzen abgesehen, zuverlässig und flüssig und versucht durchaus erfolgreich, die Sprachgewalt des Originals abzubilden. Für die wissenschaftliche Einführung konnte mit Winfried Nippel der beste Gibbon-Kenner in Deutschland gewonnen werden. Souverän stellt er Leben und Werk des englischen Historikers vor, korrigiert populäre Missverständnisse und verdeutlicht vor allem, dass Gibbon, obwohl noch nicht mit den Standards der Quellenforschung des 19. Jahrhunderts vertraut, ein erstaunlich „modernes“ Bild der römischen Kaiserzeit zeichnete und Positionen der heutigen Altertumswissenschaften vorwegnahm.

Treffend wählte Gibbon das vergleichsweise glückliche Zeitalter der Antonine im 2. Jahrhundert nach Christus als Ausgangspunkt für seine Darstellung des unaufhaltsamen Niedergangs des Imperiums, den er auf strukturelle Defekte der von Augustus begründeten Militärmonarchie zurückführte. Dem römischen Kaisertum fehlten nämlich staatsrechtliche Vorkehrungen, die die Transformation der monarchischen Herrschaft in ein despotisches Regiment dauerhaft verhinderten, der Scheinkonstitutionalismus des Prinzipats unterminierte den Freiheitswillen der Bevölkerung, und die formale Ausdehnung des römischen Bürgerrechts auf alle freien Reichsbewohner im Jahre 212 nach Christus riss endgültig die „letzte Schutzwehr der römischen Verfassung“ nieder.

Klar erkannte Gibbon die Ursachen des Aufstiegs des Christentums im Römischen Reich: die religiöse Exklusivität des christlichen Glaubens, die Lehre vom zukünftigen Leben und der Unsterblichkeit, die der frühen Kirche zugeschriebene wundertätige Macht, die vorbildliche Lebensführung der Christen und die effiziente Organisation der Kirche, die allmählich zu einem „Staat im Staate“ wurde. Schlüssig führte Gibbon die staatlichen Maßnahmen gegen Christen auf die Selbstisolierung dieser religiösen Gemeinschaft zurück, stellte zu Recht heraus, dass es bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts nach Christus keine systematischen, sondern nur regional begrenzte Verfolgungen gab, und relativierte überzeugend die Zahl der Märtyrer, indem er „aus dem Wust von Erfindungen und Erdichtungen … einige wenige zuverlässige und interessante Tatsachen“ herausfilterte. Zur Empörung vieler seiner Zeitgenossen sprach er die „traurige Wahrheit“ aus, dass, „selbst wenn man ohne Zögern und Prüfung alles gelten lässt, was die Geschichte über das Märtyrertum aufgezeichnet oder was Frömmigkeit dazu erdichtet hat, man dennoch zugeben muss, dass die Christen im Verlauf ihrer inneren Zwietracht mehr Grausamkeiten gegeneinander verübt haben, als sie je durch den Fanatismus der Heiden erfuhren“. Richtungweisend war schließlich seine Synthese von Kirchen- und Profangeschichte für das Verständnis der Spätantike, wie bereits Jacob Bernays in einer brillanten, aber unvollendeten Studie zu Gibbon aus den 1870er Jahren angemerkt hat.

The History of the Decline and Fall of the Roman Empire ist das Werk eines Einzelgängers und Außenseiters. Gibbon war ein kränkelndes Kind, das früh die Welt der Literatur entdeckte und sich mit universalhistorischer Lektüre tröstete. Eine standesgemäße Erziehung führte ihn über die Westminster School ins Magdalen College nach Oxford. Dort machte er sich auf eigene Faust an das Studium theologischer Kontroversliteratur und begeisterte sich an den antiprotestantischen Invektiven des französischen Bischofs Jacques Bénigne Bossuet. Im Juni 1753 konvertierte der 16-Jährige mithilfe eines Geistlichen der sardischen Botschaft in London zum Katholizismus – und flog vom College. Seinen Lehrern wird er später in seiner Autobiografie bescheinigen, sie hätten über dem Portwein das Denken vergessen.

Der Vater brachte den renitenten Sohn bei einem calvinistischen Pfarrer in Lausanne unter. Am Genfer See lernte er nicht nur Griechisch und Französisch, sondern auch die Grundzüge der aufklärerischen Philosophie. Der vom Vater erhoffte Erfolg stellte sich zu Weihnachten 1754 ein. Gibbon junior erkannte, dass „der katholische Aberglaube immer der Feind der Vernunft“ sei, und wurde wieder zu einem „guten Protestanten“. Seine Liebe zu Suzanne Curchod, einer Pfarrerstochter aus einem kleinen Ort bei Lausanne, blieb jedoch unerfüllt. Der Vater verbot die Heirat mit einer Ausländerin. „I sighed as a lover, but obeyed as a son“, brachte Gibbon später seine Mésalliance auf den Punkt. Er blieb Junggeselle. Die Angebetete heiratete einen Genfer Bankier und gebar eine Tochter Germaine, die als Madame de Staël Weltruhm erlangte und jeden wissen ließ, dass sie froh sei, nicht Edward Gibbon zum Vater zu haben.

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