Seit Jahren warnt der in Kalifornien lehrende Politikwissenschaftler Chalmers Johnson, ursprünglich ein Ostasienspezialist mit Schwerpunkt Japan und China, vor den verhängnisvollen Rückwirkungen der US-Hegemonialpolitik, die zunächst zur Zerstörung der amerikanischen Demokratie, zu der schrittweisen Suspendierung zentraler Verfassungsartikel sowie einer Politik systematischen Belügens und Betrügens der Bevölkerung durch die eigene Regierung und zuletzt zum Niedergang und Verfall der amerikanischen Machtstellung in der Welt führen werde. Johnson hat dafür in seinem vor einigen Jahren erschienenen Buch Ein Imperium verfällt bereits den Begriff des Rückstoßes geprägt, wie er nunmehr verstärkt in den Gegenreaktionen auf das selbstherrliche Auftreten der USA beobachtet werden kann.

Freilich habe, so Johnsons zentrale These, die Selbstzerstörung der amerikanischen Demokratie durch den Aufbau eines weltumspannenden Imperiums nicht erst in jüngster Zeit begonnen, wie die Kritiker der so genannten Neocons und ihres Einflusses auf die Politik der Bush-Administration meinen, sondern sie reicht zurück bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und hat ihre Wurzeln im späten 19. Jahrhundert, als die USA in der Karibik und im Pazifik zu einer Politik der maritimen Expansion übergingen und ihren Einfluss zunehmend auch mit militärischen Mitteln geltend machten. Doch der Imperialismus der USA, den Johnson anklagt, ist keineswegs bloß militärischer Art, sondern bedient sich auch, zumal wenn er von intelligenten Politikern betrieben wird, der sanfteren Mittel ökonomischer Durchdringung und Beherrschung. Bill Clinton, so Johnson, war darum der geschicktere Imperialist als George W. Bush.

Theodore Roosevelt gegen Woodrow Wilson

Eine derartige Ausweitung des Imperialismusbegriffs hat jedoch weitreichende Folgen, und deren politische Auswirkungen scheint Johnson nicht wirklich zu überschauen. Den Vergleich von Clinton und Bush junior nämlich hat er, was naheliegend ist, in die Vergangenheit zurückprojiziert und neben den handfesten Imperialisten Theodore Roosevelt, der die militärische Expansionspolitik der USA in den karibischen und pazifischen Raum forcierte, den idealistischen Imperialisten Woodrow Wilson, den Verkünder des Selbstbestimmungsrechts der Völker als Grundlage einer friedlichen, demokratischen Weltordnung, gestellt. Imperien, so Johnson, brauchen immer eine Leitidee und eine Mission, und die hat nach seiner Auffassung Wilson und nicht Theodore Roosevelt geliefert. Und dass Wilson den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg aufseiten der Westmächte aus wirtschaftlichen Gründen forciert habe, steht für Johnson ohnehin außer Frage.

Der Erste Weltkrieg war danach also ein Krieg unterschiedlich gearteter, konkurrierender Imperialismen, und der am Schluss erfolgreichste Imperialismus war der der USA. Diese Sicht war zeitgenössisch nicht nur bei Lenin und seinen Anhängern, sondern ebenso auch bei den politischen Rechten in Deutschland zu hören. Stellte für Lenin die Alternative zu fortgesetzten imperialistischen Kriegen die Errichtung einer weltumspannenden Sowjetrepublik dar, so zog die deutsche Rechte aus der Annahme kriegerisch konkurrierender Imperialismen die Konsequenz, dass man sich auf die nächste Konfrontation besser vorbereiten und in ihr geschickter agieren müsse, als dies das kaiserliche Deutschland getan habe. Dieses Projekt ist zwischen 1939 und 1945 dann mit schrecklichen Folgen gescheitert. Wie also sieht Johnsons Alternative zu dem aus, was er als immer weiter ausgreifende imperiale Politik der USA beklagt?

So entschieden Johnson in seiner Kritik der amerikanischen Imperiumsbildung auftritt, so vage und unentschieden ist er, wenn es darum geht, Alternativen zur US-Dominanz in der Weltpolitik zu formulieren. Im Prinzip laufen seine Vorschläge darauf hinaus, die weltumfassende Imperiumsbildung der USA auf eine Hegemonialstellung in der westlichen Welt zurückzuführen, auf diese Weise eine Fülle von Konflikten zu beenden und darauf zu vertrauen, dass der Rückzug der USA aus der Weltpolitik zu einer friedlichen Ordnung mit mehr fairem Interessenausgleich führen werde. So etwas kann man hoffen, für besonders realistisch halten muss man es nicht. Es handelt sich um eine Variante des klassischen amerikanischen Isolationismus, die nicht nur mit nationalen Interessen, sondern zugleich mit den Wünschen der gesamten Menschheit argumentiert.

Die mitunter frappierende Naivität, mit der Johnson seine stellenweise überaus klaren und scharfsinnigen Analysen der US-Politik unterlegt, ist das Ergebnis einer methodisch-theoretischen Vorentscheidung, die alle Analysen imperialer Machtbildung zu treffen haben, über die sie sich jedoch nur selten hinreichend Rechenschaft ablegen: Resultiert die Imperiumsbildung wesentlich aus den inneren Dynamiken der vorherrschenden Macht, oder ist sie eher das Ergebnis von Konflikten und Zerfallsprozessen an ihrer Peripherie, die der Vormacht die Expansion nicht bloß ermöglicht, sondern eigentlich abverlangt haben? Oder anders formuliert: Ist Imperiumsbildung die Ursache oder die Folge der auftretenden Probleme? Geht man von Ersterem aus, dann ist der Verzicht auf Imperiumsbildung die Lösung. Nimmt man dagegen an, dass eher Letzteres der Fall ist, so ist mit dem Rückzug der imperialen Macht und ihrer Selbstbescheidung auf eine Hegemonialposition nichts gewonnen.