Es gab Zeiten, da gehörte die intensive Beschäftigung mit der eigenen Fachgeschichte zur Grundausbildung jedes Historikers. Noch heute wird die Lektüre von Klassikern wie Ranke oder Braudel allen Studierenden ans Herz gelegt. Doch die meisten dürften sich mit einem "Anblättern" begnügen. Schon aus Zeitgründen. Denn in einem verschulten Studium gibt es für breite wissenschaftliche Lektüren oder gar das intellektuelle Flanieren in einer gut bestückten Bibliothek weder Muße noch Anreiz. Auch die Lehrenden machen es sich oft zu leicht: Obwohl Historiografie-Geschichte ein schwieriges Terrain ist, hält sich fast jeder Historiker für kompetent, über die verstorbenen Zunftgenossen gleichsam "forschungsfrei" zu urteilen: Kanonbildung statt Wissenschaftsgeschichte.

Der Trierer Historiker Lutz Raphael gehört zu den bemerkenswerten Ausnahmen. Er kennt die internationale Historikerlandschaft nicht nur aus dem Feuilleton, sondern hat sich seit Jahren um die Rezeption neuer Methoden zur Erforschung der eigenen Fachgeschichte bemüht. Nun legt er ein Buch vor, das einen Überblick über die Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert bieten soll – und zwar weltweit.

Am Anfang steht eine Skizze des Berufes selbst: "Mit der Etablierung historischer Forschung als Routinetätigkeit", so berichtet Raphael, "sind die Gesellschaften der Historiker anders geworden als die für die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts noch typischen Clubs von Gelehrten, Publizisten, Politikern oder Amateurforschern, die mehr oder weniger lose durch gemeinsame Werthaltungen und eine gemeinsame Leidenschaft für die Geschichte miteinander verbunden waren." Erst die in Universitätsinstituten etablierte "Scientific Community" setzte um 1900 gewisse Mindeststandards durch, die nach und nach auch außerhalb Europas übernommen wurden. Studiengänge und Prüfungsordnungen, Handbücher und Bibliografien, Zeitschriften und vor allem kritische Rezensionen verankerten Maßstäbe und sorgten für eine gewisse wechselseitige Kontrolle. Alle diese Felder und Praktiken haben auch ihre eigene Geschichte, deren Rekonstruktion oft mehr über die Historikerzunft aussagt, als die Nacherzählung von Programm- oder Methodendebatten. Zu Recht kommt der Autor immer wieder auf diese materielle Seite zurück: Was ist schon eine neue "Quelle" oder eine neue Idee gegen die Gründung einer Zeitschrift oder eines Instituts? Erst wenn neue Konzepte machtvoll propagiert und popularisiert werden, können sie den "Diskurs" einer Wissenschaft tatsächlich prägen.

Darin liegt allerdings auch ein Problem. Denn jahrhundertelang war die Nähe zur Macht für Geschichtsschreibung konstitutiv, und noch heute wird sie in vielen Ländern zur Legitimationsbeschaffung missbraucht. Allein aus der Professionalisierung sowie neuerdings auch aus der Internationalisierung des Forschungsbetriebes ergab und ergibt sich die Chance zu mehr Autonomie. Gerade diesen ungleichzeitigen Prozess der Ablösung von traditionellen Denkmustern zeichnet Raphael sorgfältig nach, wobei er sich nicht nur auf Europa und Nordamerika beschränkt, sondern auch Asien und Afrika miteinbezieht. Das ist bemerkenswert und signalisiert einen neuen Trend: Was zu Beginn des 20. Jahrhunderts als "komparative Geschichtsschreibung" begann, um Nationalismus und völkisches Denken zu überwinden, verwandelt sich seit den achtziger Jahren in eine "globale Geschichtswissenschaft". Darin spiegelt sich sowohl die reale Globalisierung als auch die daran geknüpfte Kritik. Denn bekanntlich hat die Faszination für das Ethnologische nicht nur den Horizont der Historiker erweitert, sondern auch – unter dem Namen "Mikrogeschichte" – ihren Blick für das Lokale geschärft. Beides ging oft Hand in Hand, wie etwa Arbeiten aus den französischen "Annales" oder dem Göttinger Max-Planck-Institut für Geschichte demonstrieren.

Wie alle Leitfäden beschränkt sich auch dieses Buch auf elementare Informationen und grobe Umrisse. Die großen Strömungen und "Schulen" werden skizziert, während die realen Historiker allenfalls erwähnt werden. Zwar versucht Raphael, dem Dilemma dadurch zu begegnen, dass er an den Schluss einiger Kapitel Miniaturen über herausragende Bücher stellt, doch diese Resümees bleiben allzu blass. Einen konkreten Einblick in die Lebenswelt von Historikern und Historikerinnen – am Schreibtisch, am Katheder oder im öffentlichen Raum – können sie ohnehin nicht ersetzen. Außenseiter fallen auf diese Weise ganz aus der Darstellung, obwohl gerade sie der Wissenschaft nicht selten auf die Sprünge geholfen haben. Weibliche Historiker werden vom Autor zwar mehrfach als "Gattung" erwähnt, weil der innovative Schub der Frauen- und Geschlechtergeschichte in den letzten Jahrzehnten unübersehbar ist, doch es kommt ihm nie in den Sinn, auch nur eine der bedeutenden Historikerinnen des 20. Jahrhunderts beim Namen zu nennen: Offenbar waren Eileen Power, Hedwig Hintze oder Lucie Varga noch im Rückblick weniger "wichtig" als ihre einflussreichen Kollegen.

Dennoch: Dieses kleine Buch bietet eine bislang einzigartige Überblicksdarstellung, die allen Studierenden und Geschichtsinteressierten nur empfohlen werden kann. Wer sich rasch über die Entwicklung neuer Tendenzen und Methoden in der internationalen Geschichtswissenschaft informieren will, bekommt hier einen ausgezeichneten, problemorientierten Einstieg.