Erst in einer Rolle werde der Mensch ganz er selbst, sagte Will Quadflieg – ohne Rolle gehe man "so halb inkarniert durchs Leben". Schauspielkunst als Vollendungskunst: Aufs klaffende Einzelwesen muss eine Maske gesetzt werden, und da hindurch tönt dann vielleicht, was "Person" genannt werden darf.

Das Innenleben der Person Will Quadflieg muss ein Gewimmel der Rollen und Zitate, ein Sprachmaskenball gewesen sein. Man möge sich, so ließ er Journalisten wissen, seinen Kopf "als gigantischen Friedhof vorstellen, auf dem unbestattete Rollenleichen herumspuken". Er könne, wenn nötig, drei Tage und drei Nächte ohne Pause durchrezitieren. So war er an persönlichem Schicksal (auch dem eigenen) immer weniger interessiert als an jenem, das die Dichter ihm boten. "Echte Menschen" hatten für ihn etwas Halbfertiges oder Übertriebenes: "Dieses schlecht gespielte Menschsein möchte man wie ein Theaterkritiker dauernd verreißen." – Friedrich Wilhelm "Will" Quadflieg, der bereits am 27. November im Alter von 89 Jahren starb, war einer der großen Heldenspieler des deutschen Theaters. Clavigo, Hamlet, Don Carlos, Peer Gynt, Jedermann – Quadflieg verkörperte, was ins Steile, Gültige, Ewige drängte. In den dreißiger und vierziger Jahren war er der Inbegriff des jugendlichen Charakterdarstellers. Heinrich George war sein Lehrmeister am Berliner Schiller-Theater, und noch im März 1944 spielte Quadflieg dort im Urfaust den Mephisto. Viel später ging Quadflieg auf, dass zwischen seiner Bühnenkühnheit und seinem Leben beträchtliche Unterschiede bestanden. "Ich war in der Hitlerzeit ein typischer, ein beschissener Mitläufer", sagte er 1966. "Ich habe mit beiden Augen nur auf meinen Beruf gestarrt, statt ein Auge freizuhalten und das politische Leben zu sehen." Gab es von Gustaf Gründgens je solche Aussagen? Oder starb Gründgens zu früh, um zu solchen Sätzen fähig zu sein? Er war jedenfalls ein entscheidender Partner für Quadflieg. Die größten Bühnenschauspieler deutscher Sprache begegneten sich 1957/58 in den größten deutschen Rollen: Faust (Quadflieg) und Mephisto (Gründgens).

1963 starb Gründgens. Und Quadflieg galt als überholt. Im postpathetischen Zeitalter waren seine unfehlbare, körnige Artikulation und sein Titanensog auch in der Darstellung untergehender Charaktere "zu schön, um wahr zu sein" (Hans Weigel). Und in der Tat: Zu Deformierung (einer Figur) und Dekonstruktion (eines Stücks) war Quadflieg nicht bereit, zum grellen Körperspiel war er nicht in der Lage. Es war ihm unerträglich, wenn das Unbewusste über das Wort siegte, wenn Regiewille Textwirkung sabotierte. Quadflieg war ein lebendes Paradox. In ihm wirkte der Verbergezwang eines Mannes, der einen Zeigeberuf ergriffen hatte. Er verbarg sich im Text. Er brauchte die Bühne zur Reinigung und Selbsterhöhung – indem er diente. In seinen späten Jahren hat man das Diskrete des Vorgangs begriffen: Quad-fliegs Respekt vor der Sprache, jenem "wunderbaren Gespinst, das man ausatmend gliedern muss", rührte die Jüngeren und ließ sie ahnen, dass ihnen da eventuell etwas verloren gegangen war. Will Quadflieg seinerseits hatte das Harte, Heldische, Metallische abgelegt. Seinen edlen Kopf umfing etwas piratenhaft Verwegenes, der alte Mann strahlte Einsicht, Selbsterkenntnis aus. Er habe es sich angewöhnt, so sagte Quadflieg nun, die Welt mit "Doppelblick" zu fixieren – mit einem scharfen und einem rührbaren Auge. Der Begriff stammt von Goethe: "Niemand kann sich glücklich preisen / Der des Doppelblicks ermangelt." Wohl möglich, dass Quadflieg am Ende ein glücklicher Mensch gewesen ist.