Der ältere Herr mit dem Mantel auf dem Schoß und dem Habichtblick hinter der Brille hat die Welt nicht mehr verstanden. Alle zwei Jahre kommen die Berliner Philharmoniker zu einem Gastspiel nach New York in die Carnegie Hall, und alle zwei Jahre wird daraus eine gepflegte Feierstunde deutscher Orchesterkultur. Die Berliner bringen die Werke mit, für die sie geliebt werden – Brahms, Beethoven, Bruckner, Mahler –, und die New Yorker genießen den traditionssatten Klang des Orchesters. Und jetzt das: Zwei Haydn-Sinfonien in kleiner Besetzung rahmen Stücke der Franzosen Dutilleux und Debussy. Die Philharmoniker spielen Ligeti und Bartók und ein neues Stück des Frankfurter Komponisten Heiner Goebbels, in dem von den tollen Streichern des Orchesters überhaupt nur die Kontrabässe auf der Bühne stehen, dafür aber Elektronik aus Lautsprechern eine umso wichtigere Rolle spielt. Aus dem altbekannten Repertoire tauchen in den Programmen der drei New Yorker Abende nur die große C-Dur-Sinfonie von Schubert auf und Beethovens Pastorale. Der ältere Herr im Parkett hat sein geliebtes Orchester kaum wiedererkannt. Der Klang, die vielen modernen Stücke, die Artikulation ("wie auf historischen Instrumenten – rubbish!") das alles gefiel ihm gar nicht.

Dabei hat Simon Rattle in der Carnegie Hall doch nur Ernst gemacht mit all dem, worüber in den letzten Jahren in der Berliner Philharmonie so viel diskutiert wurde: dass man sich noch viel mehr als bisher der Musik des 20. Jahrhunderts zuwenden möchte. Dass man mit Macht zurückmuss ins 18. Jahrhundert zu Haydn, Mozart, Bach, bei denen längst die kleinen, freien Ensembles die interpretatorischen Maßstäbe setzen. Dass die französischen Sachen den Klang des Orchesters bereichern könnten. Und dass der gute alte Brahms vorläufig ein bisschen Ruhe verdient hat.

Natürlich war die erste Amerikatournee der Berliner Philharmoniker unter ihrem neuen Chef (ein Prestigetermin und eine Bewährungsprobe für jedes Spitzenorchester) ein Erfolg. Die New York Times war ganz begeistert von Rattles Aufbruchselan, und das verwöhnte Carnegie-Hall-Publikum reagierte animiert auf die anspruchsvollen Programme. Nur bei den Traditionalisten muss noch einige Überzeugungsarbeit geleistet werden.

Es ist ja bei den Philharmonikern, der ersten Orchesterrepublik des Landes, nicht anders als in der Politik: Man will Reformen, Entscheidendes soll sich bewegen, aber am besten soll dabei nichts und niemand auf der Strecke bleiben. Kritisch richtet sich der Blick auf etwaige Verluste – beim Publikum, beim Repertoire und der geheiligten musikalischen Tradition des Orchesters. 400 Zuhörer haben am Ende von Rattles erster Konzertsaison ihr Abonnement bei den Philharmonikern gekündigt, 200 mehr als sonst. Die Warteliste allerdings ist überlang, kein Grund also zur Besorgnis. Eher schon könnte man fragen, ob die Zahl nicht höher ausfallen müsste angesichts des angestrebten Umbruchs. Rattle hat viel vor mit dem Orchester. Er wolle in Berlin nicht zehn Jahre gemütlich vor sich hin arbeiten, sagt er, um am Ende einen schönen indian summer zu erleben. Und seine drei Konzerte in der Carnegie Hall wirkten wie eine neuerliche, verschärfte Antrittsrede.

Ligetis Violinkonzert (mit der genau und intensiv spielenden Tasmin Little als Solistin) gehört für ihn zu den unverzichtbaren Klassikern des 20. Jahrhunderts, denen er mit selbstverständlicher Kompetenz begegnet. Atmosphärisch dicht und farbig gibt er das Stück, geschmeidig und plastisch selbst in der vertracktesten Polyrhythmik. Mit Heiner Goebbels’ Auftragskomposition Aus meinem Tagebuch (die bereits im Frühjahr in Berlin uraufgeführt wurde) plädiert er für postmoderne Lockerheit. Rattle, der bekennende Eklektizist ("Mein Geschmack ist sehr promiskuitiv"), glaubt an pluralistische Farbigkeit in der neuen Musik und an die Verführbarkeit durch Klang. Goebbels’ Tagebuch zielt mit seinen assoziativ ausgebreiteten Spielmaterialien – jazzigem Blech, gesampelten Soundsplittern, viel Schlagzeuggeräusch – auf düstere Großstadtgefährlichkeit, kommt aber, gemessen an anderen Stücken des Komponisten, arg gefällig daher. Eine fast altmeisterlich wirkende Klangdesignarbeit.

Mit Haydn (den Sinfonien Nr. 88 und 90) wiederum sind die Berliner Philharmoniker unter Rattle schon jetzt unschlagbar gut. Die Stücke heben bei ihnen schier ab vor Lebendigkeit und Leichtigkeit. Die innere Logik der Form, die rasanten Tempi, die pointierten Phrasierungen – alles erscheint geisteshell aus dem Moment heraus entwickelt. Noch aus dem unscheinbarsten Menuett machen die Musiker einen Abenteuerspielplatz der dynamischen Kontraste und überraschenden Farbwechsel. So aufgekratzt und mitreißend spielt wohl kaum ein anderes Sinfonieorchester Haydn.

Man spürt den beschleunigten Lebenspuls, den Rattle im Vergleich zu seinem Vorgänger Claudio Abbado in das Orchester trägt. Es wird deutlich, dass er die Musik in erster Linie als eine sehr konkret fassbare und expressiv darstellbare Kraft begreift. Seine Interpretationen entstehen gleichsam bei hellstem, voll aufgeblendetem Licht. Jedes Detail ist ausgeleuchtet, es gibt nur scharf konturierte Schlagschatten, ganz im Gegensatz zu der metaphysisch abgedunkelten Aura, in der etwa ein Wilhelm Furtwängler seine Kunst zelebrierte.

Rattle ist der Dirigententyp des hyperaktiven Animators. Ein Feuerkopf, ein Temperamentsbolzen, ein ekstatischer Weltumarmer. In Beethovens Pastorale macht er aus dem Gewitter einen wahren Weltuntergangssturm, vom apokalyptisch hohlen Pfeifen der Pikkoloflöten bis zu den Akkordentladungen, die so trocken und nah klingen, als folge der Donner unmittelbar dem Blitz – um anschließend den Sonnenschein des Finales umso jubilierender und seliger feiern zu können. Am kurzen Zügel hält er das Orchester, immerzu lenkend, fordernd, formend und erkennbar beflügelt von dem, was ihm die Musiker an Leidenschaftlichkeit zurückgeben. Und manchmal schießt sein Temperament über das Ziel hinaus. Man konnte es im Frühjahr beim konzertant gegebenen Fidelio in Berlin erleben, der zu den Schwachpunkten der Eröffnungsspielzeit gehörte. Der Elan vital schien sich da selbst zu genügen. Dem Kosmos des Unmenschen Pizarro, etwa seiner Arie Ha, welch ein Augenblick, fehlte die abgründige Dämonie, sodass man sich am Ende fragte, welcher Freiheitssieg da im geradezu frenetisch hochgepeitschten Jubelchorfinale eigentlich gefeiert wird.