Ein champagnerfarbener Mops sitzt auf dem Trottoir und zittert. Für einen kurzen Augenblick hört das Zittern auf, der Mops reckt seinen Kopf wenige Zentimeter nach vorn, um an der Cordhose eines Passanten zu schnüffeln. Dann zieht der Mops den Kopf zurück und beginnt an diesem kalten Herbstmorgen erneut zu zittern. Der Passant heißt Peter Silling. Er trägt einen grünen Mantel und einen Wollpullover, den er lässig über die Schultern geworfen hat. Silling hat den Mops nicht bemerkt. Hier, auf der Rue de Rosier im Norden von Paris, gelten seine Blicke den Antiquitäten. Entdeckt sein linkes Auge eine Jugendstilvase oder eine Rokokokommode, scheint das rechte Auge das Objekt bereits an seinem neuen Platz zu sehen. Manchmal ist die Entscheidung in Sekunden getroffen. Manchmal setzt Silling das Stück wieder zurück, auch zum Zögern muss man sich entschließen.

Peter Silling ist, was die Franzosen einen chasseur nennen, einen Jäger, dem die schönste Trophäe gerade genügt. Er hat in Kalifornien Design studiert und sechs Jahre bei Missoni in Italien gearbeitet. Er hat 1990 das Kölner Unternehmen Hotel Interior Design gegründet und zahlreichen Häusern auf der ganzen Welt zu Stil und Glamour verholfen. Das Romazzino auf Sardinien gehört dazu, das Grandhotel Schloss Bensberg, die Villa Sonoma in den USA. Und wenn der 38-jährige Innenarchitekt jetzt zum vierten Mal mit einem Bündel Bares in der Hosentasche über den Antiquitätenmarkt an der Porte de Clignancourt schlendert, einer Summe, die in etwa dem Jahresgehalt eines Redakteurs entspricht, dann steht ein renommiertes Projekt auf dem Plan: das Hotel Ritz-Carlton in Berlin. Am 11. Januar 2004 wird das Haus am Potsdamer Platz eröffnet.

Man muss an dieser Stelle einen Abstecher nach Berlin machen, um zu verstehen, dass das Ritz-Carlton nicht irgendein, sondern das Hotel in Berlin wird. Ein Grandhotel mit 302 Zimmern und Suiten, das Adlon und Interconti das Fürchten lehrt. Es ist Teil des Beisheim-Centers, eines hellen Sandsteinbaus mit 18 Stockwerken, der wie die kleine Ausgabe eines amerikanischen Art-déco-Hochhauses wirkt. In den oberen sechs Etagen befinden sich Eigentumswohnungen; ein über 600 Quadratmeter großes Parkside-Apartment hat sich eine Amerikanerin für gut fünf Millionen Euro gegönnt. Mögen momentan noch die letzten Schutzplanen zusammengeknüllt werden, mögen Kunstmaler und Elektriker und Stuckateure noch wild durcheinander wuseln – das Hotel atmet bereits solide Eleganz; ein Kronleuchter von dreieinhalb Meter Durchmesser durchflutet das Foyer mit Licht. Im Mittelpunkt steht eine Freitreppe von der Größe eines Kinderkarussells, die von vier Säulen mit blattvergoldeten Kapitellen flankiert wird. Peter Sillings Stil ist streng, aber anheimelnd, niemals kitschig und stets auf Repräsentation ausgerichtet. Sein Vorbild ist der preußische Baumeister Karl Friedrich Schinkel. Deshalb sollen die Säulen nicht nur Blickfänger, sondern auch Stützen sein, die ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln. Edle Materialien und geometrische Formen erinnern zugleich an die Klassiker der Grandhotels, egal ob am Nil oder an den Schweizer Seen. Marmor aus Portugal und Italien, Möbel und Stoffe aus Como, Tapeten aus den USA, Kunst aus London, Kaminschürzen aus Belgien – das sind nur wenige Punkte einer meterlangen Einkaufsliste. Und vielleicht muss man eine Zahl nennen, um die Dimensionen zu erfassen: Eine Million Euro wurden für die Entwicklungs- und Baukosten pro Zimmer veranschlagt.

"Ich möchte den Gast in eine Welt zurückversetzen, die er aus Filmen oder aus der Literatur kennt", sagt Peter Silling und hält auf dem Marché Serpette ein Tablett mit chinesischem Dekor – zarte Pflanzen am Weiher – in der Hand. "Frühes 19. Jahrhundert." Silling sagt das, als habe er die Studienausgabe Belser Stilgeschichte höchstselbst verfasst. Epochenwissen kann nicht schaden. Man weiß schließlich nie, ob sich hinter dem professionellen Händler nicht ein professioneller Halsabschneider verbirgt. Zumal diese angenehm unbescheidene Einkaufstour ja kein Spaziergang ist. 600 Euro möchte der Händler, streicht sich kurz über seine Glatze, läuft, ein Geschäft witternd, hektisch hin und her und sagt dabei mehrmals: Le plus important, c’est la facture , das Wichtigste ist die Rechnung. Dann zieht er aus der Ecke ein zweites Tablett hervor. Silling nimmt beide. Mit zehn solcher Tabletts sollen in der Tee-Lounge im Foyer des Hotels der Earl Grey oder der Assam serviert werden. Die Firma Wedgewood hat für Ritz-Carlton eigens ein Teeservice hergestellt. Der Ästhet unter den Hotelgästen wird nicht nur einen blauen Kranich auf dem Teller entdecken, sondern auch das zarte braune Band, das Teller und Tassen umrandet. Er wird entdecken, dass sich exakt das gleiche braune Band in dem Leinendeckchen wiederfindet, auf dem das Service stehen wird, und vielleicht wird er sich dann an den Satz von Oscar Wilde erinnern: "Ich finde es von Tag zu Tag schwieriger, gemäß dem Stil meines blauen Porzellans zu leben."

Natürlich kann das Porzellan nicht mal eben so vorbeigebracht werden. Denn außer einer Palette Teeservice kommen in diesen Tagen: 54 Paletten Silberequipment mit einem Gewicht von 8,4 Tonnen (Bestecke, Sektkübel und mehr), ein Überseecontainer aus Bali, 40 Tonnen schwer (aus Bambus geflochtene Papierkörbe, Manteltaschen für Gesichtstücher), 12 Paletten Toilettenpapier (5000 Rollen, vierlagig), 40000 Gläser, 250000 eingeschweißte Frotteeslipper (weiß für Erwachsene, hellblau für Jungs, rosa für Mädchen) sowie 76 Paletten mit Pfannen, Töpfen und Schneebesen plus diverse Tonnen dies und das. Man stelle sich vor, die Spediteure stünden alle zur selben Zeit vor der Tür.

Aber trotz seines ausgetüftelten Lieferplans für die Kalenderwochen 46 und 47 hat Torsten Jahn schwarze Ränder unter den Augen, und man würde sich nicht wundern, wenn er vorbeilaufende Kollegen inzwischen für Espressolöffel oder Steakmesser hielte. Torsten Jahn leitet den Einkauf im Ritz-Carlton. Auf seiner Visitenkarte steht "Director of Procurement". Er besucht Messen, holt Angebote ein und sucht Antworten auf Fragen wie: Hat das Besteck hinten ein genügend breites Schild, damit es prima in der Hand liegt? Sind Klapperdeckchen betulich?

Torsten Jahn bestellt nichts, ohne sich mit Peter Silling und Walter Junger zu beraten. Walter Junger leitet das Hotel. Der 38-jährige Österreicher ist das Gegenteil von jenem Typ Mensch, der sich den ganzen Tag bemüht, nicht das Falsche zu tun, anstatt einfach das Richtige anzupacken. Für Ritz-Carlton eröffnete er bereits die Hotels in Wolfsburg, Shanghai, Singapur und Sharm el Sheikh. Sämtliche Häuser wurden mit Preisen ausgezeichnet.

Vor einigen Wochen hat Walter Junger die Geile Sau gekauft. Das Objekt eines Berliner Künstlers, das in der Brasserie stehen und Glück bringen soll. Wobei die Brasserie als solche schon ein Glücksfall für das Hotel ist. Peter Silling hat sie in dem französischen Städtchen Mâcon (Südburgund) entdeckt. Seit 1875 trug sie den Namen des Firmengründers Desbrosses. Die gleichnamigen Biskuits, die die Familie herstellte, wurden in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch außerhalb Frankreichs bekannt. Nachdem der letzte Besitzer 1997 starb, stand die Brasserie leer. Peter Silling ließ sie abbauen und restaurieren. Die eichenen Wandpaneele, Spiegel, Lampen sowie die Steinfliesen mit den Blumenmustern zieren nun die Brasserie des Hotels. In einer Schublade fand man noch ein verstaubtes Exemplar jener Schachteln, in der die Desbrosses-Biskuits seinerzeit verkauft wurden. Das Ritz-Carlton ließ sie orginalgetreu anfertigen, um darin ebenfalls Gebäck zu verkaufen. Darin zeigt sich das Besondere des Ritz-Carlton: Es schreibt bereits Geschichte, bevor der erste Gast auch nur einen Fuß ins Foyer gesetzt hat.