Es gibt Momente, die so zerbrechlich sind, dass es sie nur in einem Film von Rudolf Thome geben kann. Zum Beispiel: Eine Berliner Architektin (Hannelore Elsner) verabschiedet sich von ihren beiden Kindern, um allein zu ihrem Wochenendhäuschen zu fahren. Im Auto kommen ihr plötzlich die Tränen. Durch die Windschutzscheibe sehen wir sie weinen und lächeln. Nichts wird erklärt, und doch ist alles klar, so wie es manchmal ist im Leben.

Noch ein Moment: Vor ihrem Sommerhaus hat Elsners Heldin ein Lagerfeuer aus allerlei Gerümpel und ihrer Vergangenheit entfacht. Es weht ein leichter Sommerwind, Vögel zwitschern, Grillen zirpen, und im Gras zittert die Sonne. Weibliche Selbstfindung, einsame Midlife-Crisis? Plötzlich stapft eine Freundin (Adriana Altaras) über die Wiese und zieht zwei Flaschen Rotwein aus der Handtasche.

Seit vielen Jahren erzählt Rudolf Thome in seinen Filmen von Menschen aus Berlin-Charlottenburg, in deren leicht saturierte Existenzen plötzlich die Sehnsucht hereinbricht. Der (zumeist aus dem alten Westdeutschland zugewanderte) Charlottenburger ist bei Thome ein sozusagen philosophisch rundum erschlossenes Wesen. Ein post-bürgerlicher Phänotyp, mit dem sich alles erzählen lässt, was das Leben zugleich so schrecklich schön und vergänglich macht: die Liebe und ihr Versiegen, die Erotik, das Essen und das Altern, Wiederbegegnungen und Abschiede.

Geistesgeschichtlich gesehen, gehören Thomes Helden ins Zeitalter der Empfindsamkeit. Respektvoll und vorsichtig umkreisen sich ihre Seelen auf der Suche nach Einklang und Wahlverwandtschaft. Freundschaft ist ihnen heilig, Sex ein angenehmes Nebenprodukt. Hat die fortwährende Liebessuche einen Thome-Film wieder einmal in sentimentale Unordnung gestürzt, dann neigen die Charlottenburger zu tief empfundenen Übersprungshandlungen. Sie verlassen ihre Altbauwohnungen, fahren hinaus aufs Land, ins Brandenburgische, feiern zusammen ein Fest, tanzen und betrinken sich.

In Rot und Blau gibt es kaum eine Szene, in der Hannelore Elsner keinen Rotwein trinkt. Sie braucht ihn auch. Schließlich bekommt sie völlig unvermittelt Besuch von ihrer Tochter Ilke (Serpil Turhan), die sie vor 20 Jahren bei ihrem damaligen Ehemann zurückließ. Das erste Wiedersehen von Mutter und Tochter ist wieder ein typischer Thome-Moment. Auf einem Parkplatz am Wannsee parken beide Autos nebeneinander. Doch bevor die beiden aussteigen und sich anblicken können, ist die Kamera auch schon zurückgewichen. Aus der Ferne sehen wir zwei Frauen, winzig klein, im wohl schwierigsten Moment ihres Lebens.

Rot und Blau ist voller solcher Begegnungen und Wiederbegegnungen. Eine der schönsten gehört Hanns Zischler und Serpil Turhan. Ohne zu zögern, nimmt der Privatdetektiv Samuel Eisenstein die Tochter seines verstorbenen Freundes in seine Obhut. Sie will durch ihn die Erinnerung an den Vater festhalten, er soll die verschwundene Mutter suchen: "Ich darf doch du sagen." Ein Gentleman und das Mädchen in der Großstadt. Knappe Dialoge und der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Auch Zischler und Elsner werden sich, von Ilke und dem Schicksal geführt, als Kindheitsfreunde über den Weg laufen. In ihren ungläubigen Gesichtern spiegeln sich die wie im Flug vergangenen Jahrzehnte – und die Erinnerung an einen linkischen kleinen Jungen, der einst ein dickes Mädchen küsste, das vom Baum fiel. Über allem liegt die zarte, aber unmögliche Hoffnung, dass alles einmal wiederkehrt, nichts endgültig, verloren, getrennt, entschwunden ist.

Es gibt sogar eine kleine Krimihandlung in Rot und Blau. Aber Thome nutzt sie nur als Vorwand für weitere schöne Kinomomente. Etwa wenn Hanns Zischlers Detektiv in seinem holzgetäfelten Büro Whisky trinkt und über die Rezession im Detektivwesen klagt. Oder auch wenn Elsner und Zischler, ganz konspirativ kichernde Kameraden, nächtens unter einem Baum zwei Tüten mit Geldscheinen vergraben. Mit mysteriösem Ernst wird außerdem eine Wohnung bespitzelt und ein Tresor geknackt.