Garten
Ohne Eile, ohne Hast, nur Grün
Was die Liebhaber der Gartenkultur in ihrem Winterquartier brauchen
Die Vorbereitungen für die Exkursion verlangten tragfähige Esel sowie Kalbsbraten vom Rippenstück, eine große Leberpastete, Rinderschmorbraten, eine pochierte Rinderzunge und vier Flaschen Wein, natürlich frisches Brot, es ist ja die Schweiz. Jean-Jacques Rousseau lebt dort in der Verbannung, seinen hat man am 11. Juni 1762 in Paris öffentlich verbrannt, der Arzt empfiehlt ihm Spaziergänge zur Heilung der Seele. Der Patient ersteigt den Chasseron im Jura, er tut, was ihn am Leben erhält, essen, trinken, er betrachtet die Natur: „Ich verdanke mein Leben den Pflanzen, nicht wirklich, aber sie haben es mir ermöglicht im Strom des Lebens weiter zu schwimmen und nicht unterzugehen von Bitterkeit beschwert“, schreibt Rousseau, der Philosoph und Pädagoge. Botanisieren mit Jean-Jacques Rousseau heißt das ungewöhnlichste Gartenbuch des Herbstes hrsg. und übersetzt von Ruth Schneebeli-Graf, Zeichnungen Richard Keller; Ott Verlag, Thun; 160 S., 27,– ¤). Es öffnet die Augen für eine besondere Sicht auf die Dinge, die Namen tragen wie Maßliebchen, klebriger Salbei, Hunds-Braunwurz oder Moos-Nabelmiere.
Folgendes ist nach Rousseau im Angesicht dieser Wunder zu tun: Innehalten und staunen, mit Akkuratesse die Feinheiten verzeichnen, dann das Wunder des beispielsweisen rundblättrigen Sonnentaus bewahren, indem man die Blume pflückt, sorgsam auf einem Büttenpapier arrangiert, mit Goldstreifen arretiert, abdeckt, dann presst mithilfe von Steinen oder Briefbeschwerern. So entstehen Herbarien als Kunstwerke, Rousseau hat sie verschenkt, mitsamt lehrenden Briefen auf den Weg geschickt zu den Töchtern einer Freundin nach Lyon, nun kriegen auch wir sie! Wer Pflanzenporträts lieber üppig will, findet das in auch diesem Herbst, bei Georg Flegel: Die Aquarelle, ein Buch, das 80 der ursprünglichen Blätter aus dem frühen 17.Jahrhundert versammelt (Prestel Verlag; 127 S., 29,95 ¤), es sind elegante Studien von Waldrebe oder Schwertlilie, an Erdbeere, mit Raupe oder Biene, Vorlagen für die legendären Stillleben des Künstlers. Wieder aufgelegt Ein Garten für die Ewigkeit, der Codex Liechtenstein, eine Auswahl aus der 14-bändigen Sammlung botanischer Kostbarkeiten für den Fürsten Alois, Gemälde der Brüder Bauer, die man mit denen der Meister der Renaissance vergleicht (Bentelli Verlag; 368 S., 49,80 ¤). Schon beinahe preiswert, in der Tat als Taschenbuch!, 37 Aquarelle in Maria Sibylla Merian: Neues Blumenbuch (Insel, Frankfurt; 151 S., 10,– ¤), das in unvergleichlicher Eleganz die schmetterlingsumschwirrte Hyazinthe zeigt oder Käfer im Päonienblätterwald. Historiker unter den Gärtnern werden sich verlieren in dem kostbar gestalteten Band Werner Dressendörfer: Blüten, Kräuter und Essenzen. Heilkunst alter Kräuterbücher (Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern; 192 S., 24,90 ¤), das die Geschichte berühmter Florilegien leichtfüßig durcheilt. Die Geschichtssüchtigen können sich Michael Rohde/Rainer Schomann: Historische Gärten heute vornehmen, ein Werk, das, professoral beschwert, alles ist: wissenschaftlich! Bildband! International! Eine Festschrift zum 80. Geburtstag des Gartenhistorikers Dieter Hennebo von Kollegen, die Industrielandschaften untersuchen und islamische Spuren in der Villa Gamberaia (Ed. Leipzig; 226 S., 39,90 ¤). Aber dann: doch wieder Rousseau!
Man liest, wie der Meister seinem Broterwerb nachging, dem Kopieren von Noten, zu Hause in der Wohnung, in der einen Ecke das Bett, in der anderen das Spinett („Musik ist mir ebenso wichtig wie das tägliche Brot“), am Fenster die Töpfchen mit pflanzlichen Fundstücken. Er liebte Kaffee. Und Eis! Am meisten aber liebte Rousseau es, die Kinder zu unterweisen, ihnen die Pflanzen zu zeigen, ihr Herz zu erwärmen für Blumen, und wusste, dass der Lehrer doch genau hier, auch bei der Blume, seine natürliche Grenze findet, er formulierte es so – „Um eines aber bitte ich: Pflücken Sie sie selber!“
- Datum
- Serie sachbuch
- Quelle (c) DIE ZEIT 11.12.2003 Nr.51
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