Medien Lesen, weinen, lächeln

„Der Riehl“, ein großer Journalist, verabschiedet sich

Jeder weiß: Anfänge sind schwer, besonders im Journalismus. Der Anfang – „Einstieg“, wie der Fachjargon sagt – kann entscheiden, ob die Geschichte gelesen wird. Die besten Stilisten brüten am längsten über Anfängen.

Der Beste unter ihnen, Herbert Riehl-Heyse, war nicht zuletzt für seine Anfänge berühmt. Der schon zu Lebzeiten legendäre Reporter der Süddeutschen Zeitung – „der Riehl“ – war ein Meister der Eröffnung. Den ersten Satz lesen und dann dranbleiben – bei ihm selbstverständlich. Er konnte das wie kaum ein anderer. Die Riehl-Schule, die sich unter jüngeren Reportern unweigerlich bildete, ist allemal an den Anfängen der Reportagen erkennbar.

Zuletzt schrieb Herbert Riehl, der am 23. April dieses Jahres gestorben ist, an einem Buch über den Konflikt der Generationen. Er konnte es nicht mehr vollenden. Das „Fragment“ ist weniger eine journalistische Auseinandersetzung mit einem der brisantesten Themen unserer Gesellschaft als vielmehr – auf einer Art zweiten Ebene – eine sehr persönliche Beschäftigung Riehls mit seiner Krankheit. Mein ganz persönlicher Generationenkonflikt steht denn auch im Untertitel, und das beschreibt genau, was er uns da hinterlassen hat: ein ergreifendes Dokument. Man liest es zwischen Lächeln und Weinen.

Der Anfang; „Gerade war ich doch noch jung, oder?“ Die melancholisch-ironische Grundmelodie, die hier anklingt, zieht sich durch den ganzen Text. Herbert Riehl, noch einmal der unterhaltsame Erzähler, ist sich stilistisch treu geblieben, nur die lächelnde, augenzwinkernde Leichtigkeit, die wir an ihm so sehr mochten, hat hier nicht mehr so viel Raum. Riehl hatte beim Schreiben offenkundig gewusst – oder besser: gemerkt –, wie es um ihn stand. Als „Zuschauer des eigenen Lebens“ erzählte er außer von Beobachtungen auf dem Kampfplatz zwischen Alt und Jung von seinen ganz eigenen schmerzlichen Erfahrungen auf dieser letzten Strecke, etwa von den „7,5 Kubikzentimeter Feind in meinem Kopf“ und von der tief sitzenden Hoffnung, diesen Feind vielleicht doch noch zu besiegen.

Die Krankheitssignale, die Herbert Riehl im letzten Jahr empfangen hatte, beschrieb er so beiläufig und zugleich so präzis, wie er seinen Lesern sonst seine kleinen und doch nie bedeutungslosen Beobachtungen als Reporter erzählt und zu einem authentischen Gesamtbild zusammengefügt hatte. Die alarmierenden Erinnerungslücken zum Beispiel, die ihn plötzlich während einer Wahlkampfreise mit Schröder überfielen: „Da wäre es schon praktisch gewesen, wenn ich immer gewusst hätte, ob unser Hubschrauber jetzt gleich in Rendsburg landen würde oder in Regensburg, oder ob das alles überhaupt nicht stimmte, weil ich in Wahrheit in meinem Bett lag und phantasierte.“ Im Kernspintomografen haben sie dann den Gehirntumor entdeckt.

Traurig sollte das Buch ja nicht werden. Nein, „das wäre ja nun wirklich besonders traurig“, schrieb Herbert Riehl und erinnerte uns so nebenbei daran, wie unnachahmlich er sich auf die leisen Pointen verstanden hat. Nicht alle haben das schwierige Stilmittel der Riehlschen Ironie begriffen, manche haben die Form auch nicht gemocht, doch viele Autoren haben ihn um diese Fähigkeit beneidet und immer wieder versucht, diese Art des amüsierten Nicht-alles-allzu-ernst-Nehmens zu kopieren, was dann am peinlichsten gerät, wenn sie zu Häme und Zynismus vulgarisiert wird.

Das Buch besteht zur Hälfte aus dem hinterlassenen Fragment, dazu gibt es aus Riehls letztem Jahr als SZ- Autor Reportagen, Essays, natürlich Streiflichter – über Politiker, Journalisten und sein Bayern. So entstand ein Buch, das mehr ist als eine Erinnerung für die Freunde und Fans des Menschen und Journalisten Riehl. Es ist – auch – ein Lehrbuch.

Herbert Riehl-Heyse: Jugendwahn und Altersstarrsinn
Mein ganz persönlicher Generationenkonflikt – ein Fragment – und ausgewählte Texte aus dem letzten Lebensjahr;
Blessing, München 2003; 189 S., 12,– €

 
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