Stimmt’s? Schlürfen mit Grazie

Stimmt es eigentlich, dass die frühen Koffein-Konsumenten im 18. Jahrhundert hierzulande den Kaffee aus der Untertasse statt aus der Tasse tranken? Ihn gar umschütteten aus der Tasse in die Untertasse? Gerlinde Murb, Kirchdorf

Die Kaffeetrinkerin von Louis-Marin Bonnet, 1774

Foto: akg-images

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Es heißt ja Unter tasse und nicht Unter teller. Und wenn sich jemand schon immer gewundert hat, warum in manchem edlen Porzellan-Service die Untertasse fast die Dimension einer heutigen Müslischale hat – der Grund liegt darin, dass man früher tatsächlich daraus getrunken hat.

Das Porzellan wurde in Europa durch Johann Friedrich Böttger in Meißen im Jahr 1709 sozusagen „nacherfunden“. Damit bekamen die modischen Kaffee- und Teesalons des 18. Jahrhunderts auch das standesgemäße Geschirr. Damit man sich an den heißen Kaffeetassen und Teeschalen nicht die Finger verbrannte, wurden sie mit Henkeln versehen – die gab es in den Ursprungsländern der Getränke nicht. Kaffee war damals noch kein Allerweltsgetränk, sondern ein Luxusgut, dessen Genuss zelebriert wurde. Wenn er zu heiß war, dann war es durchaus üblich, ihn in die Untertasse zu schütten und daraus zu schlürfen – eine Sitte, mit der man heute aus jedem besseren Restaurant hinauskomplimentiert würde. Aber die Kaffeetrinkerin auf der Radierung des französischen Malers Louis-Marin Bonnet verhielt sich durchaus der Etikette ihrer Zeit entsprechend und legte dabei sogar noch Eleganz und Anmut an den Tag – man beachte den abgespreizten kleinen Finger.

Dass heiße Getränke in der Untertasse aufgrund der größeren Oberfläche schneller abkühlen, haben nicht nur die deutschen Kaffeehausgänger der Rokokozeit zu schätzen gewusst: Entsprechende Sitten werden auch aus Skandinavien, aus Indien und aus Russland berichtet. Christoph Drösser

Die Adressen für »Stimmt’s«-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg oder stimmts@zeit.de . Das »Stimmt’s?«-Archiv: www.zeit.de/stimmts

Audio: www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • Gyro
    • 17.11.2008 um 20:34 Uhr

    Im Vereinigten Königreich (England) war es bis schätzungsweise in die 1950er Jahre noch üblich, den Tee aus der Tasse in die Untertasse umzuschütten und ihn daraus zu süppeln. Das galt aber als arg proletarisch.
    In einem biografischen Bericht über Eric Blair (George Orwell) wird etwa berichtet, dass dieser in der BBC-Kantine ebendieses mit seinem Tee tat. Der Berichterstatter fand dies arg proletarisch, und benutzte es als Beispiel für die von Orwell offen zur Schau getragene Verachtung für die Normen der feinen Gesellschaft.
    Aber Blair hatte recht. So geschlürft schmeckt der Tee durchaus am Besten, auch wenn es sich weder schön anhört noch -sieht. Blair war schließlich Tee-Liebhaber und -Experte, so hat er die wohl berühmteste Abhandlung über dieses Getränk geschrieben: "A Nice Cup Of Tea".
    http://www.netcharles.com...
    Im Vereinigten Königreich wird auch weiterhin Gebäck in das Getränk getunkt. Eine Sitte, die hierzulande ebenfalls nahezu ausgestorben ist (ich kann mich daran erinnern, dass meine Oma noch ganze Wurstbrote in ihren Kaffee versenkte).

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