Ausgerechnet im kleinen Stralsund fällt an diesem Donnerstag eine große Entscheidung. Der Bürgermeister will die örtliche Sparkasse verkaufen, an einen privaten Investor. Die Commerzbank hat Interesse - auch die schwedische SEB, die in Deutschland schon die ehemalige Gewerkschaftsbank BfG kaufte, prüft ein Angebot. Nun entscheidet die Bürgerschaft der Hansestadt, ob das Bieterverfahren beginnt. Der Bürgermeister jedenfalls will die Erlöse - er rechnet mit mehr als 30 Millionen Euro - lieber in Schulen investieren als in Bankschalter. So tobt ein bizarrer Streit: Die Finanzministerin von Mecklenburg-Vorpommern, die über das Sparkassengesetz des Landes wacht, lehnt einen Verkauf des öffentlich-rechtlichen Geldhauses ab und fordert die Zwangsfusion mit einer anderen Sparkasse. Die vom Bürgermeister beauftragten Anwälte behaupten, ein Verkauf sei trotz Sparkassengesetz möglich. Die Kunden wiederum haben Angst um ihr Geld und werden mit Plakaten beruhigt.

Es ist ein Fall, der das gesamte Sparkassensystem ins Wanken bringt. Selbst wenn in Stralsund der Verkauf noch gestoppt wird, dürfte bald schon der nächste verkaufswillige Bürgermeister den Finger heben. Zu klamm ist die Haushaltslage der Kommunen, zu verlockend die Aussicht, mit der Kasse richtig Kasse zu machen. Und noch etwas zeigt der Fall Stralsund: Die Sparkassen sind auf die Zukunft überhaupt nicht vorbereitet.

Spätestens 2005 müssen sich die öffentlichrechtlichen Banken umstellen. Dann enden ihre Staatsgarantien, und es wird schwer, an frisches Kapital zu kommen. Eine Stadt, die kein Geld hat, kann aber auch ihrer Sparkasse keines geben. Wie will eine Kasse dann in moderne Banktechnik investieren oder eine Kapitalerhöhung finanzieren? Die Sparkassen reagieren auf die Bedrohung mit Fusionen. Vor zwei Jahren gab es mehr als 560, heute sind es 499, und in fünf Jahren, schätzen Experten, werden es vielleicht noch 350 sein. Großinstitute allein lösen das Problem allerdings nicht: Dann geht die lokale Bindung verloren, das höchste Gut, das Sparkassen haben.

Es gibt bessere Beispiele: In Frankreich wurden die Caisses d'Epargne in Genossenschaftsbanken umgewandelt - damit wäre eine Fusion mit der Volksbank vor Ort möglich. In Österreich firmieren die Sparkassen als AG, ihre Gemeinnützigkeit ist im Sparkassengesetz festgeschrieben - so können Investoren einsteigen, ohne dass die Förderung von Kleinunternehmen, Bibliotheken und Theatern verloren geht.

Man muss keine öffentlich-rechtliche Sparkasse sein, um auch in Zukunft Gutes zu tun. Es ist nur wichtig, überhaupt etwas für die Zukunft zu tun.