Suhrkamp ist der wichtigste deutsche Verlag, das ist ja nun weidlich bekannt. Folgt daraus, dass wir jeden in der Frankfurter Lindenstraße umkippenden Bürostuhl bekakeln müssen? Andererseits: Es handelt sich diesmal um fünf Stühle, und sie wurden umgestoßen – von Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas, Alexander Kluge, Adolf Muschg und Wolf Singer. Sie gehörten jenem Stiftungsrat an, der "Kontinuität, Ruf und literarischen Anspruch" des Verlags wahren soll. In der vergangenen Woche sind die noch von Siegfried Unseld bestimmten fünf Weisen zurückgetreten. "Wir sehen uns mit schwer wiegenden Entscheidungen konfrontiert, die ohne unsere Mitwirkung und entgegen unserem Rat gefallen sind. Es geht dabei nicht um Personen, sondern um die Leitungsstruktur des Suhrkamp Verlages."

Das ist ein Eklat, keine Frage. Und doch: Müssen wir die ausgeklügelte Leitungs- und Besitzarchitektur zum wiederholten Mal erfolgslos zu begreifen versuchen, eine Architektur, deren letzte Feinheiten wahrscheinlich nur ihr Erfinder versteht, nämlich der Testamentsvollstrecker Heinrich Lübbert? Vielleicht lohnt sich das gar nicht. Vielleicht geht es bloß um einen Machtkampf. Den hat Ulla Unseld-Berkéwicz für sich entschieden. Sie ist die Witwe des Verlegers, sie ist dessen Erbin, und sie besitzt 51 Prozent der Gesellschafteranteile. Sie hat das Recht zu entscheiden. Sie hat sich dafür entschieden, die operative Leitung der Verlagsgruppe (ihr gehören neben Suhrkamp der Insel Verlag, der Jüdische Verlag und der Klassiker Verlag an) selbst zu übernehmen. Mit entschiedenem Griff erledigte sie den Umbau, und zwar derart kompromisslos-rasch, dass binnen kurzem die Stühle des bisherigen Verlagsleiters Günter Berg, des Vertriebsleiters Ulrich Sonnenberg sowie des Stiftungsrats umkippten oder umgekippt wurden. Ist das schlimm, ist es gut? Um das beurteilen zu können, empfiehlt sich ein kurzer Blick in die Vorgeschichte:

Der Verlag. Der vormalige interimistische Leiter des S. Fischer Verlags Peter Suhrkamp gründet den Suhrkamp Verlag am 1. Juli 1950. Am 1. Januar 1952 tritt der 27-jährige Siegfried Unseld in den Verlag ein. Er hat über Hermann Hesse promoviert und ist auf dessen Empfehlung gekommen. 1958 wird Unseld persönlich haftender Gesellschafter und übernimmt nach Suhrkamps Tod 1959 den Verlag. In einem oft beschriebenen Siegeszug baut er den Verlag aus und macht ihn zur Geisteswerkstatt der Bundesrepublik. Umsatz 1959: deutlich unter einer halben Million, heute rund 50 Millionen. Jährlich erscheinen etwa 350 Titel bei Suhrkamp, 220 bei Insel (die Taschenbücher eingeschlossen).

Der Verleger. "Wenn Shakespeare der größte Dichter und Minetti der größte Schauspieler ist, dann ist Unseld der größte Verleger." Das sagte Thomas Bernhard, einer der zahllosen Autoren von weltliterarischem Rang, die Unseld an den Verlag gebunden hat. Sein Mittel: das unbedingte Treueverhältnis des Verlegers zum Autor. Unseld war das Kraftzentrum des Verlags, ein Buchreihenerfinder, ein Marketing-Genie, er war der Sonnenkönig der literarischen Welt. Er starb am 26. Oktober 2002.

Die Nachfolge. Die Frage, wer ihm nachfolgen solle, hat Siegfried Unseld so lange und erfolgslos beschäftigt, bis sie zum Treppenwitz der Branche wurde. Von seinem Sohn Joachim, der heute die Frankfurter Verlagsanstalt erfolgreich leitet und 20 Prozent der Gesellschafteranteile Suhrkamps besitzt, trennte er sich im Zorn. Danach kamen und gingen die Verlagsleiter. Günter Berg war der zuletzt von Unseld mit der Leitung Beauftragte, zugleich aber hatte Unseld mit Lübberts Hilfe damit begonnen, eine Familienstiftung und den Stiftungsrat zu gründen. Das Modell, wenn es überhaupt einen Sinn hatte, sah zwei Kammern vor: Die eine bestand aus der operativen Geschäftsführung, geleitet von Berg, die andere aus Stiftung und Stiftungsrat mit Ulla Unseld-Berkéwicz an der Spitze. Da sie nun zugleich die aktive Geschäftsführerin ist, wird der Stiftungsrat obsolet. Er müsste, wenn er die Geschäftsführung kritisiert, zugleich sich selbst in Gestalt seiner Vorsitzenden kritisieren.