Mit schier grenzenloser Geduld liegt der Eisbär im trockenen Seegras der Hudson Bay und blickt auf das Meer. Der Polarwind bläst ihm über seine schwarze Schnauze. Merkt der Bär, dass der Wind allmählich wärmer wird?

Für den kanadischen Biologen Nick Lunn ist der cremeweiße Eisbär im Seegras der 115., dem er in dieser Saison auf den Zahn fühlen will. Der Helikopter des Canadian Wildlife Service fliegt das Tier vom Meer aus an. "Wir müssen ihn weiter ins Landesinnere treiben", dirigiert Lunn den Piloten. Auf dem Rücksitz macht sich der Biologiestudent Evan Richardson für den Betäubungsschuss bereit. Sechs Gramm Zoletil, ein Cocktail aus Narkose- und Beruhigungsmittel, sollen das mittlerweile alarmierte Tier wieder zur Ruhe bringen.

Die beiden Biologen erforschen im Auftrag des World Wide Fund for Nature (WWF), wie sich das Leben der Eisbären unter dem wachsenden Druck des globalen Klimawandels verändert. Denn die deutliche Erwärmung der Erde ist in der Nordpolarzone stärker als in anderen Breiten. Und der Rückgang des nordpolaren Meereises zeigt sich an den subarktischen Gestaden bei Kap Churchill besonders deutlich: Je früher das saisonale Wintereis auftaut, desto weniger Zeit bleibt den Eisbären zur Jagd auf dem Eis.

Der Hubschrauber senkt sich bis zu einem Meter über dem galoppierenden Bären, der verwirrt anhält und zu dem dröhnenden Vogel hochschaut. Evan Richardson lehnt sich weit aus dem Fenster, den Kolben an der Schulter, und drückt ab. "Getroffen", meldet der 26-Jährige über die Kopfhörer. Die fingerlange Aluminiumhülse ankert im Nacken des Eisbären. Sofort steigt der Helikopter auf, und die Forscher beobachten, wie der Bär nach wenigen Minuten taumelnd zu Boden sinkt. "Fertig zur Landung." Nick Lunn notiert die Zeit, Evan Richardson schließt die Drogenkiste.

Für die Polarforschung ist der Eisbär von besonderem Interesse, da er am Ende der arktisch-marinen Nahrungskette steht. "Der Eisbär nimmt eine Schlüsselposition ein und gibt uns Aufschluss darüber, welche Probleme auf andere Tierarten der Arktis zukommen", erläutert Nick Lunn. Seit dem internationalen Abkommen zum Schutz von Polarbären vom 15. November 1973 haben sich die Feldstudien an den Polarbären zu einem der weltweit am besten koordinierten Forschungsgebiete der Biologie entwickelt.

Insgesamt leben in der Arktis etwa 22000 bis 25000 Eisbären, schätzt die Polar Bear Specialist Group. Bislang ist der Bestand weitgehend stabil. Vielerorts dürfen Bären sogar gejagt werden. Noch. Nick Lunn fürchtet: "Setzt sich die polare Eisschmelze fort, werden die Eisbären aussterben." Dies gelte insbesondere für die Hudson Bay und die James Bay, die südlichsten Siedlungsgebiete der Eisbären. "Denn hier verschwindet das Eis zuerst."

Die Küste bei Churchill in der kanadischen Provinz Manitoba gilt als eines der drei umfangreichsten Gebiete von Eisbär-Wurfhöhlen weltweit. An der westlichen Hudson Bay, in der rund 1200 Eisbären leben, hat Kanada 1996 den 11475 Quadratkilometer großen Wapusk National Park eingerichtet. Am Rande des Parks, im Churchill Northern Studies Center, sammelt Nick Lunn seine Daten. Ein dreijähriges Forschungsprogramm, ob und wie der Klimawandel seine Schützlinge beeinträchtigt, soll mit Zahlen belegen, was er befürchtet. Der WWF will den Eisbären, ähnlich wie den Pandabären, zum Symboltier für den bedrohten Zustand unserer Umwelt stilisieren.

"Hey, bear! Hey, bear!" Nick Lunn nähert sich vorsichtig dem betäubten Tier. Es schnauft noch etwas von der kurzen Jagd, Speichel hängt am Maul, seine offen stehenden Augen sind regungslos. "Er schläft", gibt Lunn freie Bahn, "keine weitere Spritze." Während der Pilot sich mit dem Schreibbrett in das Tundragras fallen lässt, beginnen Lunn und Richardson, den Bären zu untersuchen: Körperlänge, Brustumfang und Kopfbreite weisen das männliche Tier als etwa 900 Pfund schwer aus. Die Forscher messen Temperatur, Atemfrequenz und Fettmasse des stattlichen Raubtiers, untersuchen das Gebiss und die Wunden auf der Nase. Operativ entnehmen sie etwas Fett; bei der Markierung der Ohren fällt eine Hautprobe für den genetischen Vaterschaftstest ab. Ins Zahnfleisch tätowiert Richardson dem Bären eine lebenslange Kennung. Dann zieht er ihm einen kleinen, degradierten Backenzahn für die Altersbestimmung. Schließlich bekommt der Bär einen schwarzen Punkt auf den Rücken gesprüht, damit das Forscherteam ihn in der laufenden Saison nicht mehr verfolgt.

Noch etwa eine Stunde bleibt der Eisbär benommen liegen, ausgestreckt in einer X-Haltung, während die Biologen bereits weiterfliegen. Täglich betäuben sie bis zu zwölf Exemplare, Erstlinge wie auch Altbekannte aus früheren Jahren. Alle finden sich im jährlich aktualisierten Eisbärenregister wieder.

Bei gutem Herbstwetter fällt es den Forschern leicht, die Tiere aufzuspüren, denn die Bären stehen wie weiße Knäuel an der Wasserkante – und warten schlicht auf das Eis. Der Name "Eisbär" passt ebenso trefflich zu ihnen wie ihr biologischer Name ursus maritimus, "Meerbär". Dabei ist der Meerbär ein Landsäugetier. Zumindest die weiblichen Tiere der kanadischen Arktis, wo 60 Prozent aller Eisbären leben, können nicht ständig auf dem Eis wandeln. Sie brauchen die stabilen Schneewehen auf dem Permafrostboden der Tundra. "In gleicher Weise, wie das Eis zurückgeht, entdecken wir jetzt an Land, dass die Winterschneewehen bei Churchill immer dünner werden", berichtet Nick Lunn. Damit schwinde der Schutz der Wurfhöhlen, die Fortpflanzung der Eisbären sei bedroht.

Andererseits zählen Eisbären zu den anpassungsfähigsten Säugetieren. So können sie ihrer Beute über Hunderte Kilometer folgen, sogar noch bei minus 37 Grad Celsius jagen, und die begrenzten Nahrungsressourcen im arktischen Lebensraum ließen sie zu Königen des Fastens werden: Bis zu acht Monate leben Eisbärweibchen, ohne zu fressen, ohne zu trinken, gar monatelang, ohne zu urinieren. Diese für Raubtiere einzigartige Askese überstehen die Bären allein durch Anfressen gewaltiger Fettreserven in ihrer Jagdperiode und dank eines optimierten Stoffwechsels. Der Eisbärenforscher Ian Stirling von der University of Alberta wog markierte Eisbärenweibchen vor und direkt nach der Jagdzeit. In einem extremen Fall legte eine hagere Bärin von 97 Kilo Gewicht binnen Monaten auf 505 Kilo zu. Sie hatte sich acht Zentner Fett angefressen, um die Fastenzeit zu überstehen und ihren kommenden Nachwuchs zu säugen. Zur Schonung ihres Fetthaushalts zögern trächtige Eisbärinnen die Embryonenentwicklung sogar über vier bis fünf Monate hinaus, bis sich im September das befruchtete Ei im Uterus einnistet.

Selbst nach der kurzen Wachstumszeit im Mutterleib kommen die Jungen zwischen November und Januar nur meerschweinchengroß mit einem Körpergewicht zwischen 600 und 700 Gramm auf die Welt. Erst beim nun einsetzenden Säugen verbraucht die Mutter ihre Fettsubstanzen. Diese kann sie erst ab etwa März und nur bis zur Frühjahrseisschmelze wieder auffüllen. Auf den Vater kann sie dabei nicht zählen – der paart sich auf ferner Wanderschaft möglicherweise bereits von neuem.

Ihre Energiequellen finden die Bären allein auf dem arktischen Eis. Dort leben die fettleibigen Ringelrobben, die Grundnahrung der Eisbären. Wenn die Robben im April ihre Jungen im Packeis der Hudson Bay gebären, werden die Babys zur leichten Beute für die weißen Räuber. Sie spüren die Jungrobben vor allem durch ihren hervorragenden Geruchssinn auf. Dann beginnt eine brutale, aber überlebenswichtige Raubtiervöllerei. Noch befinden sich die Populationen von Eisbären und einigen Millionen Ringelrobben in der gesamten Arktis in einem natürlichen Gleichgewicht. Doch je früher die Frühlingssonne das Eis wieder bricht, desto schneller endet die Jagd für den größten Fleischfresser unter allen Landtieren. Denn an Land finden die Bären allenfalls Gräser, Tang und Beeren und gelegentlich einen Kadaver, aber bisher nichts, das ihren extrem fettabhängigen Stoffwechsel am Leben halten könnte. Die große Frage wird also sein: Wie entwickeln sich künftig die Robbenbestände, wo werden sie ihre Jungen zur Welt bringen, und können die Eisbären ihnen folgen?

"Die Eisperiode bei Churchill ist binnen 20 Jahren bereits um etwa zwei Wochen im Jahr kürzer geworden", warnt Nick Lunn, der die Eisbären der Hudson Bay seit Anfang der achtziger Jahre erforscht. "Wir sehen die Tiere jetzt mit deutlich weniger Fett von der Jagd heimkehren", sagt der Biologe. Das führe zu Veränderungen bei der Aufzucht der hiesigen Jungtiere. "Drillingsgeburten kommen heute fast gar nicht mehr vor. Und die Babys müssen bereits 30 Monate gestillt werden, um mit genügend Kraft von der Mutter loszukommen." Vor 20 Jahren wurde noch fast jedes zweite Eisbärenbaby nach 18 Monaten abgestillt.

Eines steht für ihn schon zu Beginn des dreijährigen Forschungprojekts fest: "Ohne Eis werden Eisbären nicht überleben. Es wird zuerst die Jungtiere treffen, denn die Muttertiere werden bei fortschreitendem Nahrungsmangel noch weniger Nachwuchs haben oder für ihre Jungen zu wenig Milch produzieren." Der kritische Punkt? "Der junge Eisbär braucht schätzungsweise zehn Kilo Gewicht, wenn er erstmals mit der Mutter auf das Eis rauszieht", ermittelte Lunn. "Ansonsten sind seine Überlebenschancen gering."

Für die Tourismusveranstalter, die seit Jahren mit den spektakulären Eisbärenexpeditionen bei Churchill Geschäfte machen, sind das Schreckensmeldungen. Das sei völlig übertrieben, meint Hotelchef Dawn Daudrich von der Lazy Bear Lodge in der "Welthauptstadt der Eisbären". Alles sei im Lot, bekundet auch Merv Gunter von den Tundra Buggy Tours. Der Tourismusmanager sorgt sich allenfalls darüber, dass "gelegentlich Eisbären mit einem schwarzen Fleck auf dem Rücken die Fotografen verärgern". Bob Reside, der Direktor des Wapusk-Nationalparks, sieht immerhin die Gefahr von Veränderungen: "Wenn die Erwärmung der Arktis nicht aufzuhalten ist, wird Churchill in zehn Jahren nicht mehr über die weltweit größte Dichte an Eisbären-Wurfhöhlen verfügen."

Aber können die Tiere unter dem Druck des Klimawandels nicht einfach nach Norden ziehen? Ganz so einfach sei das nicht, meint Nick Lunn. Der Weg in kältere Regionen bleibe den Churchill-Bären versperrt, denn die dortigen Eisbärenpopulationen würden "die von der Wärme vertriebenen Artgenossen nicht in ihrem Revier akzeptieren", glaubt der Biologe. Außerdem seien Eisbärenweibchen extrem ortsverbunden. Zum Teil würden die Wurfhöhlen im Wapusk-Nationalpark "über Generationen hinweg von denselben Familien genutzt". Trotz ihres Anpassungsvermögens könne er sich nicht vorstellen, "dass Eisbären binnen weniger Jahre ohne Schnee und Permafrost leben können". Er verweist auf Prognosen des kanadischen Instituts für Ozeanwissenschaften vom vergangenen Herbst, eine eisfreie Arktis könne sich "saisonweise schon zwischen 2030 und 2040 einstellen". Dann lebten Eisbären womöglich nur noch an den nördlichen Küsten von Grönland, Spitzbergen, Russland, Alaska und Kanada.

Allerdings sind nicht nur Bären, sondern auch Robben anpassungsfähig. Das macht Langzeitprognosen in komplexen Ökosystemen schwierig. Vielleicht wissen wir in drei Jahren mehr. Bis dahin muss Nick Lunn noch viele Eisbären mit dem Betäubungsgewehr jagen.