Noch etwa eine Stunde bleibt der Eisbär benommen liegen, ausgestreckt in einer X-Haltung, während die Biologen bereits weiterfliegen. Täglich betäuben sie bis zu zwölf Exemplare, Erstlinge wie auch Altbekannte aus früheren Jahren. Alle finden sich im jährlich aktualisierten Eisbärenregister wieder.

Bei gutem Herbstwetter fällt es den Forschern leicht, die Tiere aufzuspüren, denn die Bären stehen wie weiße Knäuel an der Wasserkante – und warten schlicht auf das Eis. Der Name "Eisbär" passt ebenso trefflich zu ihnen wie ihr biologischer Name ursus maritimus, "Meerbär". Dabei ist der Meerbär ein Landsäugetier. Zumindest die weiblichen Tiere der kanadischen Arktis, wo 60 Prozent aller Eisbären leben, können nicht ständig auf dem Eis wandeln. Sie brauchen die stabilen Schneewehen auf dem Permafrostboden der Tundra. "In gleicher Weise, wie das Eis zurückgeht, entdecken wir jetzt an Land, dass die Winterschneewehen bei Churchill immer dünner werden", berichtet Nick Lunn. Damit schwinde der Schutz der Wurfhöhlen, die Fortpflanzung der Eisbären sei bedroht.

Andererseits zählen Eisbären zu den anpassungsfähigsten Säugetieren. So können sie ihrer Beute über Hunderte Kilometer folgen, sogar noch bei minus 37 Grad Celsius jagen, und die begrenzten Nahrungsressourcen im arktischen Lebensraum ließen sie zu Königen des Fastens werden: Bis zu acht Monate leben Eisbärweibchen, ohne zu fressen, ohne zu trinken, gar monatelang, ohne zu urinieren. Diese für Raubtiere einzigartige Askese überstehen die Bären allein durch Anfressen gewaltiger Fettreserven in ihrer Jagdperiode und dank eines optimierten Stoffwechsels. Der Eisbärenforscher Ian Stirling von der University of Alberta wog markierte Eisbärenweibchen vor und direkt nach der Jagdzeit. In einem extremen Fall legte eine hagere Bärin von 97 Kilo Gewicht binnen Monaten auf 505 Kilo zu. Sie hatte sich acht Zentner Fett angefressen, um die Fastenzeit zu überstehen und ihren kommenden Nachwuchs zu säugen. Zur Schonung ihres Fetthaushalts zögern trächtige Eisbärinnen die Embryonenentwicklung sogar über vier bis fünf Monate hinaus, bis sich im September das befruchtete Ei im Uterus einnistet.

Selbst nach der kurzen Wachstumszeit im Mutterleib kommen die Jungen zwischen November und Januar nur meerschweinchengroß mit einem Körpergewicht zwischen 600 und 700 Gramm auf die Welt. Erst beim nun einsetzenden Säugen verbraucht die Mutter ihre Fettsubstanzen. Diese kann sie erst ab etwa März und nur bis zur Frühjahrseisschmelze wieder auffüllen. Auf den Vater kann sie dabei nicht zählen – der paart sich auf ferner Wanderschaft möglicherweise bereits von neuem.

Ihre Energiequellen finden die Bären allein auf dem arktischen Eis. Dort leben die fettleibigen Ringelrobben, die Grundnahrung der Eisbären. Wenn die Robben im April ihre Jungen im Packeis der Hudson Bay gebären, werden die Babys zur leichten Beute für die weißen Räuber. Sie spüren die Jungrobben vor allem durch ihren hervorragenden Geruchssinn auf. Dann beginnt eine brutale, aber überlebenswichtige Raubtiervöllerei. Noch befinden sich die Populationen von Eisbären und einigen Millionen Ringelrobben in der gesamten Arktis in einem natürlichen Gleichgewicht. Doch je früher die Frühlingssonne das Eis wieder bricht, desto schneller endet die Jagd für den größten Fleischfresser unter allen Landtieren. Denn an Land finden die Bären allenfalls Gräser, Tang und Beeren und gelegentlich einen Kadaver, aber bisher nichts, das ihren extrem fettabhängigen Stoffwechsel am Leben halten könnte. Die große Frage wird also sein: Wie entwickeln sich künftig die Robbenbestände, wo werden sie ihre Jungen zur Welt bringen, und können die Eisbären ihnen folgen?

"Die Eisperiode bei Churchill ist binnen 20 Jahren bereits um etwa zwei Wochen im Jahr kürzer geworden", warnt Nick Lunn, der die Eisbären der Hudson Bay seit Anfang der achtziger Jahre erforscht. "Wir sehen die Tiere jetzt mit deutlich weniger Fett von der Jagd heimkehren", sagt der Biologe. Das führe zu Veränderungen bei der Aufzucht der hiesigen Jungtiere. "Drillingsgeburten kommen heute fast gar nicht mehr vor. Und die Babys müssen bereits 30 Monate gestillt werden, um mit genügend Kraft von der Mutter loszukommen." Vor 20 Jahren wurde noch fast jedes zweite Eisbärenbaby nach 18 Monaten abgestillt.

Eines steht für ihn schon zu Beginn des dreijährigen Forschungprojekts fest: "Ohne Eis werden Eisbären nicht überleben. Es wird zuerst die Jungtiere treffen, denn die Muttertiere werden bei fortschreitendem Nahrungsmangel noch weniger Nachwuchs haben oder für ihre Jungen zu wenig Milch produzieren." Der kritische Punkt? "Der junge Eisbär braucht schätzungsweise zehn Kilo Gewicht, wenn er erstmals mit der Mutter auf das Eis rauszieht", ermittelte Lunn. "Ansonsten sind seine Überlebenschancen gering."