Für die Tourismusveranstalter, die seit Jahren mit den spektakulären Eisbärenexpeditionen bei Churchill Geschäfte machen, sind das Schreckensmeldungen. Das sei völlig übertrieben, meint Hotelchef Dawn Daudrich von der Lazy Bear Lodge in der "Welthauptstadt der Eisbären". Alles sei im Lot, bekundet auch Merv Gunter von den Tundra Buggy Tours. Der Tourismusmanager sorgt sich allenfalls darüber, dass "gelegentlich Eisbären mit einem schwarzen Fleck auf dem Rücken die Fotografen verärgern". Bob Reside, der Direktor des Wapusk-Nationalparks, sieht immerhin die Gefahr von Veränderungen: "Wenn die Erwärmung der Arktis nicht aufzuhalten ist, wird Churchill in zehn Jahren nicht mehr über die weltweit größte Dichte an Eisbären-Wurfhöhlen verfügen."

Aber können die Tiere unter dem Druck des Klimawandels nicht einfach nach Norden ziehen? Ganz so einfach sei das nicht, meint Nick Lunn. Der Weg in kältere Regionen bleibe den Churchill-Bären versperrt, denn die dortigen Eisbärenpopulationen würden "die von der Wärme vertriebenen Artgenossen nicht in ihrem Revier akzeptieren", glaubt der Biologe. Außerdem seien Eisbärenweibchen extrem ortsverbunden. Zum Teil würden die Wurfhöhlen im Wapusk-Nationalpark "über Generationen hinweg von denselben Familien genutzt". Trotz ihres Anpassungsvermögens könne er sich nicht vorstellen, "dass Eisbären binnen weniger Jahre ohne Schnee und Permafrost leben können". Er verweist auf Prognosen des kanadischen Instituts für Ozeanwissenschaften vom vergangenen Herbst, eine eisfreie Arktis könne sich "saisonweise schon zwischen 2030 und 2040 einstellen". Dann lebten Eisbären womöglich nur noch an den nördlichen Küsten von Grönland, Spitzbergen, Russland, Alaska und Kanada.

Allerdings sind nicht nur Bären, sondern auch Robben anpassungsfähig. Das macht Langzeitprognosen in komplexen Ökosystemen schwierig. Vielleicht wissen wir in drei Jahren mehr. Bis dahin muss Nick Lunn noch viele Eisbären mit dem Betäubungsgewehr jagen.