Neun Tage im Dezember – dieser Titel sollte schon einmal geschützt werden. Spätere Geschichtsschreiber werden die dramatische Chronik dieser Tage zwischen Absturz und Aufbruch aufarbeiten müssen. Begonnen haben sie am Mittwoch zwölf Uhr mit der ersten Sitzung des 32-köpfigen Vermittlungsausschusses. Und wie dort in der "Dunkelkammer" (Müntefering) Geschichte gemacht wird, so wird es auch stenografisch protokolliert. Nur was wirklich geschieht, was gelogen ist, was redlich und sachlich, das wissen in dieser Woche nicht einmal die Beteiligten selbst. Denn die Akteure verdecken voreinander die Karten, und die Medien versucht man zu instrumentalisieren.

Noch nie vorher hat es eine Situation gegeben, in der alle politischen Energien eines Landes, alle Machtfragen, die Kanzlerschaft und die Kanzlerkandidatur, derart auf einen Entscheidungszeitraum fokussiert waren. Nie zuvor hat sich in Deutschland eine so ungeduldige Reformeinheitsfront aufgebaut, vom Industriekapitän, über die Kirchen, die Bild-Zeitung bis hin zum Bürger, der einfach nur will, dass endlich etwas geschieht – und es dann vorbei ist. Die Fallhöhe eines Scheiterns ist unvorstellbar hoch.

Zur Liste des Noch-nie gehört auch der Vermittlungsausschuss selbst: Noch nie hatte er ein so gewaltiges Paket zu verhandeln. Allein das Konvolut der Gesetze umfasst 2800 Seiten. Noch umfassender sind die Inhalte: Es geht nicht nur um das Vorziehen der Steuersenkung und das Streichen von Subventionen, nicht nur um Tarifautonomie, Kündigungsschutz und Zumutbarkeit von neuen Jobs für Arbeitslose, um die Reform der Bundesanstalt für Arbeitslose und die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe und um die hochkomplexe Sanierung der Gemeindefinanzen. Das alles zusammengenommen ist mehr, bedeutet eine Zäsur in der Geschichte des Sozialstaates, einen Bruch mit der Hegemonie der Sozialpolitik und hat sich letztlich zur Reifeprüfung der Nation aufgeschaukelt: Ist Deutschland reformierbar?

Ist eine solche Verhandlungsmasse noch politisch kontrollierbar? Die Gefahr von irrationalen Wendungen schließt niemand aus. Dass es schon in dieser ersten Woche zur Einigung kommen kann, schließen dafür alle aus. Vor allem dem Kanzler dürfte es gefallen, wenn sich die Chaos-Energie anreichert und er erst kurz vor Schluss Auftritte als Macher inszenieren kann, in letzter Minute, seiner Lieblingszeit.

Niemand hat Interesse an einem kompletten Scheitern

Aber zumindest machen die Gewinn- und Verlustrechnungen der Hauptakteure ein Scheitern eher unwahrscheinlich. Die CDU-Chefin Merkel hat nicht bloß die zeitliche Agenda des Reformprozesses akzeptiert, sondern eine Art patriotischen Konsens benannt: Das Land darf nicht gegen die Wand gefahren werden. Also nolens volens auch nicht der Kanzler. Sie hat sich bisher erfolgreich auf die Reformkonkurrenz mit der Regierung eingelassen. Eine Blockade, ein "Nein, aber" würde sie wieder zur umstrittenen Parteipolitikerin machen und im Wahlkampfjahr 2004 einen permanenten Erklärungszwang aufnötigen. Damit hat sie auch für Edmund Stoiber die Weichen gestellt. Als Neinsager müsste er sich endgültig in der bayerischen Staatskanzlei einrichten.

Schröder wiederum hat längst schon seine Kanzlerschaft in die Waagschale geworfen. Ihm kommt es auf die zahllosen strittigen Details nicht wirklich an, sondern vor allem auf eines: Die Steuersenkung für das Volk, das Weihnachtsfest, für die Konjunktur und für ihn selbst.

Um so weit zu kommen, hat er die Konfrontation mit den beiden größten Klientelen, den Rentnern und den Gewerkschaften, riskiert, von den Zumutungen für seine Partei ganz zu schweigen. Sein Fatum hängt davon ab, dass sich Deutschland wirklich bewegt. Aber gerade dieser Schicksalscharakter treibt natürlich wiederum die Option des Scheiterns hoch. Verlockender war sie noch nie, die Möglichkeit für die Opposition, Schröder in einen radikalen Misserfolg hineinzusteuern. Ein geschlossenes Nein wäre für die Union auch um so vieles leichter zu bewerkstelligen als ein geschlossenes Ja. Das sagen jedenfalls ihre Nachtfantasien. Das gibt dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch Spielraum für seinen Ehrgeiz. Oder ist sogar sein Poltern nur Teil der Choreografie? Ein Wort macht die Runde: Tarifverhandlung. Was bedeuten soll: Erst regen sich alle auf, dann gibt es Brötchen, und zum guten Schluss geht es ums Geld. So klingt es aus der SPD-Fraktion, so aus den Ländern. Geld und Brötchen, das klingt zu klein für diese Reformen. Aber plausibel ist es doch.