Nichts ist auf der Brüsseler EU-Regierungskonferenz über den Verfassungsentwurf am späten Freitag entschieden. Doch schon werden die Rollen im Schurkenstück um Europas Zukunft eifrig neu verteilt. Spanien und Polen wollen nichts von der neuen Macht- und Stimmverteilung in der Verfassung wissen, sperren sich gegen jede Verbesserung, auch wenn sie dieselbe im Verfassungskonvent in den vergangenen anderthalb Jahren mit herbeidiskutiert haben: Sind also diese beiden Staaten die Schufte, die nur Schlechtes denken, die Ewiggestrigen, keiner Vernunft zugänglich?

Weit gefehlt. Auf den Brüsseler Fluren wird längst ein anderer Name gehandelt. Deutschland heißt die Kanaille! Hängt an der Idee einer doppelten Mehrheit, als sei’s das Amen in der Kirche. Die Hälfte aller EU-Mitgliedsstaaten muss im Rat der Regierungen Ja zu einem Vorschlag sagen, und dabei drei Fünftel der Bevölkerung hinter sich wissen: So steht es im Verfassungsentwurf, und so fordern das auch Gerhard Schröder und Joschka Fischer. Das sei jedoch, grummeln britische Stimmen, ein wenig doktrinär, überhart und kompromisslos, wo dieses Europa doch nur durch Kompromisse seinen Weg fand. Daraus spreche, so liest man das neuerdings in Pariser Gazetten, die neue deutsche Superiorität, das bevölkerungsreichste Land der Union habe sich im Rat der Regierungen, aber auch im Europäischen Parlament per Verfassung die stärksten Bataillone gesichert. Und was unter Polen über diese Deutschen so erzählt wird auf Brüsseler Teppichboden, nun ja, früher wäre das ein Kriegsgrund oder Anlaß für einen Ehrenhändel auf Degen und Pistole gewesen.

Aber geht es tatsächlich um „die Deutschen“, dreht sich alles um „die Polen“? Das ist denn doch zu sehr schwarzweiß gedacht, dramaturgisch vielleicht ganz brauchbar zur Veranschaulichung eines Dramas auf halboffener Bühne. Aber eben unnütz fürs Verständnis desselben.

Die Polen klammern sich wie die Spanier an den Vertrag von Nizza, der es mit seinem komplizierten Zählverfahren recht leicht macht, eine Sperrminderheit von Mitgliedsstaaten zu sammeln. Leicht für alte wie neue Mitglieder, für große wie kleine Staaten – sofern man nur die passenden Gesinnungsgenossen findet. Die Geschichte der Europäischen Union lehrt: Sie wird flugs zur Un-Union, wenn sich nur ein paar Clubmitglieder in den Kopf setzen, einen Vorschlag zu unterbinden, ein Projekt zu verhindern.

Die vorgelegte Verfassung erschwert solche Zusammenrottung, bei der es nur zu oft allein um angestammte nationale Interessen und ihre Verteidigung geht und das gemeinsame Interesse, das Interesse der Gemeinschaft aus dem Blick gerät. Und sie erleichtert umgekehrt die Bildung einer Mehrheit, die gestalten und eben nicht verhindern will. Darum also geht es: Um das Gestalten von Politik – und nicht um ihre Verhinderung. Um die Ausgestaltung eines großen (und eben nicht nur: geografisch jetzt größeren) Europa – und nicht ums Ausnutzen der Gemeinschaft für egoistische Zwecke, so verständlich und legitim die vor heimischem Publikum auch sein mögen.

Mehr oder weniger Europa, das sind die wahren Kontrahenten auf diesem EU-Gipfeltreffen. Und nicht etwa Schurken-Polen oder Kanaillen-Deutschland. Weniger Psychologie und mehr Politik braucht das Brüsseler Gremium, will es Freitag Nacht, Samstag Mittag oder Sonntag früh die Dinge zu einem guten Ende bringen.