Europa gibt es noch. Aber anders als bisher. Nach dem Scheitern der Brüsseler Regierungskonferenz über den ersten Verfassungsentwurf ist die Gemeinschaft gespalten. Da gibt es jene, die mehr Europa wollen, die es nach einer politischen Union verlangt, die demokratischer, effizienter, transparenter sein soll. Und da sind jene, deren Sinn allein auf eine Solidargemeinschaft gerichtet ist, bei der einige wenige geben, viele nehmen, manche etwas haben, die meisten ein wenig bekommen. Die erste Denkschule arbeitet an der politischen Entwicklung, die zweite nur an einer sozialen Stabilisierung der Union. Zwischen beiden Schulen erstreckt sich Brachland, das die Staats- und Regierungschefs am Wochenende in Brüssel vergeblich in einen fruchtbaren Acker verwandeln wollten.

Zur ersten Denkschule gehören Deutschland, Frankreich, Belgien, Luxemburg, Italien, mit einigen Differenzen auch Großbritannien, Griechenland, die Niederlande. Die zweite Denkschule wird geprägt von Spaniern und Polen, und man wird in den kommenden Monaten sehen, ob die beiden bei Tschechen, Slowaken, den baltischen Staaten, Schweden oder Dänemark erklärte Anhänger oder nur stille Sympathisanten finden.

Das Europa der zwei Geschwindigkeiten wird so Wirklichkeit. Aber gab es dies nicht schon in der Vergangenheit, ohne dass da jemand groß Anstoß genommen hätte? Trugen nicht in den fünfziger Jahren die sechs Gründernationen, heute der harte Kern der ersten Denkschule, das ganze Risiko bei ihrer Gründung der EWG? Ging nicht wiederum nur ein Grüppchen voran, als im luxemburgischen Schengen die grenzenlose Freiheit für den Bürger, das Ende der Schlagbäume beschlossen wurde? Und sind es heute nicht zwölf Entschlossene, die mit dem Euro eine gemeinsame Währung vorgeben und vorleben, in einer Europäischen Union, die von kommendem Frühjahr an 25 Mitglieder zählen wird?

Es gibt bei diesem Vergleich einen entscheidenden Unterschied: Stets ließen die Anderen die Avantgarde machen, erteilten die Umstehenden den Beweglichen ihren Segen und gaben ihnen die besten Wünsche mit auf den Weg, immer in der Hoffnung, ihnen rasch folgen zu können. Diesmal verweigerten zwei Länder, nämlich Spanien und Polen, aus ganz unterschiedlichen Motiven allen übrigen die Chance, einen gewaltigen Schritt voran zu tun. Und das, wo die Vertreter dieser beiden Nationen im Verfassungskonvent vergangenen Sommer wie alle anderen auf das gemeinsame Dokument mit Champagner anstießen, den gemeinsamen Entwurf eines Verfassungsvertrages guthießen und unterzeichneten.

Jetzt in Brüssel war das alles Makulatur. Spanien kämpfte um mehr Macht, Polen ums Prestige. Beides sind in der Politik durchaus legitime Zwecke. „Mehr Europa“, wie die Spanier das noch im vergangenen Jahr während ihrer Ratspräsidentschaft zu ihrer eigenen Devise erklärten, ist auf diese Weise aber nicht zu erarbeiten. Mögen die Regierungschefs in Brüssel auch noch so gern erklärt haben, dass nur diese Regierungskonferenz und nicht gleich die Verfassung gescheitert sei: Es gibt künftig zweierlei Europäer. Die einen sind Lobbyisten eigener Interessen, die anderen Verfechter eines Primats der Gemeinschaft. Die einen brauchen keine Verfassung, die anderen werden sie in naher Zukunft erarbeiten.

Europa gibt es noch, das ist ein Trost. Aber nie wieder so, wie es einen Sommer lang möglich schien. Das ist die Tragik.