Die Loya Jirga in Kabul

Vorbereitungen und Management der Verfassung gebenden Ratsversammlung für Afghanistan – Ein Erfahrungsbericht

[ In Kabul soll am Wochenende die Große Ratsversammlung "Loya Jirga" beginnen. 500 Delegierte aus ganz Afghanistan werden sich in der Hauptstadt treffen, um eine neue Verfassung für das Land zu verhandeln und zu verabschieden. Laut Abdul Ghafoor Lewal, dem Sprecher der Verfassungskommission, wird die Ratsversammlung mindestens 20 Tage dauern. Die Sicherheit dieser Versammlung zu garantieren, wird für die internationale Schutztruppe in Afghanistan eine große Herausforderung. Seit mehrere Wochen versuchen die Taliban durch Anschläge und Angriffe die Versammlung zu sabotieren. Vorbereitet wird die Loya Jirga in Kabul von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. Welche Herausforderungen sich mit der Planung und Organisation der Ratsversammlung ergeben und unter welchen Sicherheitsbedingungen die GTZ-Mitarbeiter und ihre lokalen Partner dort arbeiten, berichtet aus Kabul Holger Neuweger. Er ist bei der GTZ verantwortlich für Konzeption, Management und politische Kommunikation von Großveranstaltungen wie die Loya Jirga. ]

Am 15. Oktober 2003 treffen wir - sechs Experten der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit - in der afghanischen Hauptstadt Kabul ein. Verantwortlich für Bau, Logistik, Konferenz- und Projektmanagement, beginnen wir noch am gleichen Tag mit der Instandsetzung eines bereits 2002 bereit gestellten Konferenzgeländes auf dem ehemaligen Sportplatz des örtlichen Polytechnikums. Vor Ort müssen Baufirmen, Zulieferer, Schneider, Tischler und Reinigungsfirmen gefunden werden. Schon bald nach Beginn der Zusammenarbeit können wir nicht selten feststellen, dass die Firmen die angebotenen Qualitäten, Mengen, Leistungen und vor allem den gesetzten Zeitrahmen gar nicht einhalten können. Improvisation und Flexibilität sind hier durchgehend gefragt, und vor allem: Bloß nicht die Nerven verlieren. In kürzester Zeit werden 140 Personal-, Dienstleistungs-, Werks- und Lieferverträge mit einem Gesamtwert von ca. 2,1 Millionen US$ abgeschlossen, davon 120 in Afghanistan. Mit fünf Iljuschins werden ca. 250 Tonnen Material an Zelten, Heizgeräten sowie Konferenz-Sicherheitstechnik eingeflogen. 23 Monteure, Techniker, Ingenieure und Berater aus Deutschland sowie rund 130 lokale Fachkräfte arbeiten mit uns zusammen. Die Winterbedingungen stellen uns vor zusätzlich große logistische Herausforderungen. Auch die sensiblen politischen Rahmenbedingungen wirken sich immer wieder direkt auf die Gestaltung und den Ablauf der Arbeiten aus, werden aber durch unseren Teamleiter hinter den Kulissen und für uns oft gar nicht erkennbar, geschickt gelenkt und behandelt.

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Das Gelände der Loya Jirga liegt etwas außerhalb der Stadt. Auf unserer täglichen Fahrt in der morgendlichen rush hour kriechen wir meistens durch eine das Morgenlicht schluckende Luftmasse aus Herd- und Ofenfeuern, Autoabgasen und Staub. Doch manchmal, wenn der Regen den Kabuler Smog aus Ruß und Abgasen weggespült hat, werden wir auf dieser Fahrt mit einer grandiosen Sicht auf die schneebedeckten Bergspitzen belohnt. Außer auf diesen Fahrten bekommen wir von der Stadt und ihrem Leben kaum etwas mit. Wir verbringen die Zeit auf dem Gelände. Nur unser Einkäufer kann sich in Geschäften und auf Märkten herumtreiben, taucht wenigstens für ein paar Augenblicke ein in das hiesige Leben, trinkt kannenweise Tee beim Verhandeln von Leistungen und Kosten und verbessert dabei täglich sein Dari, eine der beiden Landessprachen.

Mitte November stehen zehn Zelte und bieten mit insgesamt 5.000 Quadratmetern Raum für die Ratsversammlung, für Büros und Arbeitssitzungen, den Empfang von Gästen und Regierungsmitgliedern sowie für die Arbeitsplätze der 60 mit der Dokumentation und Moderation betrauten afghanischen Mitarbeiter. Das Herz der Konferenz ist ein 2.800 qm großes Zelt. Hier werden die Plenarveranstaltungen mit den 500 Delegierten stattfinden, dazu gibt es für Arbeitsbesprechungen gesondert bereit gestellte und ausgestattete Räume. Ein komplettes Konferenzgelände ist entstanden, das Ton-, Licht- und Videotechnik nach europäischen Maßstäben bietet. Die deutschen Techniker arbeiten beim Aufbau bereits mit Technikern des Kabuler Fernsehens zusammen, die die Anlagen auch nach dem Ende der Versammlung zu weiteren Konferenzen und Messen bedienen sollen.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm. Nur mit speziellen „batches“ - Ausweise, die nur ein bis zwei Tage gültig sind und mit unterschiedlichen Zugangsberechtigungen ausgestattet sind - lässt sich das Gelände überhaupt betreten. Und je näher der Beginn der Konferenz rückt, desto strenger werden an den Gepäck- und Personenschleusen die Durchsuchungen durch die Soldaten der afghanischen Armee.

An einem Morgen, wir sind schon seit 6:30 auf dem Gelände, um die verlorene Zeit der muslimischen Eid-Feiertage zum Ende des Fastenmonats wieder aufzuholen, werden unsere gerade aufgenommen Arbeiten jäh unterbrochen. Zwei Hubschrauber – für uns hier in Kabul eigentlich nichts ungewöhnliches - kreisen im Tiefflug über dem Gelände. Doch dieses Mal landen sie nur unweit des Hauptzeltes auf dem großen VIP-Parkplatz. Wir und die kurz zuvor gesäuberten Zelte verschwinden für Minuten in einer Staubwolke. Eine Sicherheitsprüfung („security sweep“) der Konferenzzelte durch die ISAF-Truppen ist angesagt. In kürzester Zeit müssen alle Arbeiter, Unternehmer, Lieferanten, ja selbst einige der GTZ-Managementkräfte, das Gelände räumen.

Dann beginnt eine intensive Untersuchung des nunmehr hermetisch abgeriegelten Konferenzgeländes. Die Kanadier kommen mit ihren Spürhunden und die Holländer mit ihren Detektoren. Sie durchkämmen jeden Winkel, heben Zeltplanen an, schauen hinter den bereits aufgehängten Zelthimmel, der die ganzen Zeltverstrebungen und Metallkonstruktionen so geschickt verbirgt. Andere laufen mit vorgehaltener Waffe neben her, einige von ihnen mit Ohrhörern in Funkkontakt – mit wem und wohin ist dabei nicht ersichtlich. Sie schauen in jede erdenkliche Richtung, folgen einer mir nicht durchschaubaren Choreographie. Sie scannen die kleinen Lehmgebäude am Berghang hinter dem Gelände, die sich zwischen ihnen bewegenden Schatten, die Hügelketten, die das Gelände umgeben. Man kann den Eindruck bekommen, dass all diese visuellen Informationen der menschlichen Augen sofort digitalisiert an einen Zentralrechner zur Analyse weitergegeben werden. Die Auswertungen kommen zeitgleich zurück und geben Entwarnung oder weisen auf Ungereimtheiten hin. Mit jedem Blick, jedem Schritt, jedem Hundeschnüffeln, mit jeder Kopfdrehung und jedem Detektorknattern erzeugen die ISAF Soldaten Sicherheit und Vertrauen. Kein Winkel, auch nicht in der hintersten dunklen Ecke der Container mit Material und Werkzeug, wird ausgelassen. Ich hoffe, dieses Gefühl von Sicherheit bleibt lange erhalten. Noch mehr hoffe ich, dass all diese Schritte eigentlich unnötig sein werden, dass sich nichts hinter den Gerüchten und Vermutungen verbirgt. Die Angst vor einem Anschlag ist groß, wird mit jedem Tag näher an der Veranstaltung größer. Man will vermeiden, dass während der Vorbereitungen mit den unzähligen Materiallieferungen Sprengstoff und Waffen auf dem Gelände gelangen und versteckt werden. Nach vier Stunden ist der „security sweep“ erfolgreich abgeschlossen. Beruhigend, denn es wurden keine Waffen, Sprengstoffe oder ähnliches gefunden.

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  • Quelle (c) DIE ZEIT
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  • Schlagworte Kabul | Taliban | Afghanistan | Isaf | Agentur
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