Saddam Hussein ist gefasst. Aber bevor wir zur Sache selber kommen, eine kleine Bemerkung zur medialen Seite des Vorgangs, also dazu, mit welchen Bildern die Weltöffentlichkeit aus diesem Anlass – ja: – regelrecht ins Bild gesetzt wurde. Denn es muss ja eine Absicht dahinter stecken, wenn man uns Stund um Stund mit dieser Zahnarzt-Szene füttert. In meiner Münchner Journalistenzeit hatte ich einen vorzüglichen Zahnarzt, wenngleich er, der übrigens auch in Gemeinwohlfragen eine ausgeprägte Persönlichkeit war, in vielen politischen Dingen total andere Meinungen vertrat als ich. Also: Nehmen Sie bitte Platz! Zu Beginn jeder Konsultation hatte ich den Mund weit zu öffnen, woraufhin er mir das platzierte, was man etwas vulgär eine Maulsperre nennt, um dann zu sagen: „So, und jetzt red’n m’r erscht mal über Ihren letzten Leitartikel!“ Da musste ich mir dann Verschiedenes anhören, ohne viel mehr erwidern zu können als etwas, was man nur beim besten Willen als Muh oder Mäh entziffern konnte. Das Gefühl der Machtlosigkeit meinerseits und das der Allmacht des Zahnarztes bei diesem Arrangement war grenzenlos. Irgendwie mussten die Leute, die für die Präsentation der Saddam-Festnahme sorgten, gewusst haben, weshalb sie diese Dentisten-Szene arrangierten: Der Mann hat künftig eine Maul- und Machtsperre…

Aber nun haben sie ihn eben! Damit enden einige Schwierigkeiten – neue fangen an. Es ist nun gewiss für den Letzten klar: Es wird keine Rückkehr zu Saddams Regime (oder das seiner Erben) geben. Ob damit der Terror aufhört? Mir scheint, die gegenwärtig aktiven Terroristen wollen weniger Saddam zurück an die Macht, als vielmehr die ausländischen Truppen aus dem Land bomben. Und ob die Festnahme Saddams dazu führt, dass all jene politischen und religiösen Gruppen, die den Irak von morgen regieren wollen, zu friedfertigen Kompromissen – anstatt zu einem neuen Bürgerkrieg – finden? Diese zweite Frage hat nun aber für das Hauptproblem große Bedeutung.

Denn: Wer soll über Saddam Hussein urteilen? Wenn es ein irakisches Gericht sein soll, dann muss es erst einmal eine irakische Verfassung, ein stabiles politisches System und ein glaubwürdig legitimiertes Justizwesen geben – und das mag dauern. Wenn aber die US-Besatzer über den Ex-Dikator zu Gericht sitzen wollten, wäre der propagandistisch leicht aufzuheizende Vorwurf der „Siegerjustiz“ leicht zu erheben, zumal gar nicht einfach darzustellen ist, wie ein solches Verfahren plausibel als rechtsstaatlicher Prozess zu ordnen wäre. Und Guantanamo zeigt uns, wie viel die USA in ähnlichen Dingen von einer korrekten Justiz halten. Früher hieß es: „Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn.“ Nun heißt es: „Wir haben ihn. Aber wer darf ihn hängen?“ Oder doch wenigstens richten…

Bei dieser Gelegenheit zeigt sich nun recht plastisch, wie verfehlt es war, dass die USA dem Statut für einen Internationalen Strafgerichtshof der UN nicht zugestimmt haben. Das wäre das richtige Forum gewesen, vor dem man solche Fälle hätte verhandeln können – ohne Siegerjustiz und ohne voreiliges Vertrauen darauf, dass man Diktatoren am besten von ihren Opfern (oder Nachfolgern) verurteilen lässt. Macht ist eben nicht identisch mit Vernunft. Großmacht auch nicht.