WashingtonMal Hand auf’s Herz: Würde es der deutsche Steuerzahler gerne sehen, wenn die Bundesregierung Milliarden ausgäbe, um irgendein fernes Land in Ordnung zu bringen und die Aufträge dafür gingen an amerikanische Firmen? Die ganze Aufregung um den Ausschluss der Kriegsgegner an den Wiederaufbau-Profiten im Irak offenbart nur deutsche Doppelmoral.Dass die Bundesregierung keine Truppen zur Stabilisierung in den Irak schickt, ist angesichts der Vorgeschichte verständlich und vernünftig. Dass sie sich bislang nur symbolisch am Wiederaufbau beteiligt, offenbart eine eigenwillige Interpretation deutscher Interessen. Es läge nämlich im deutschen Interesse, den Irak zu stabilisieren und, noch wichtiger, die transatlantischen Beziehungen zu reparieren. Bundeskanzler Gerhard Schröder schien dieser Logik zu folgen, als er am 19. September 2003 in der New York Times schrieb, Deutschland werde "die Lasten im Irak" mit Amerika "teilen". Das war ein vollmundiges Versprechen. Bei der Geberkonferenz in Madrid stellte die Bundesregierung eine eindrucksvolle Summe zur Verfügung: null Euro! Immerhin konnte die Regierung darauf verweisen, sie habe schon zur Wiederaufbauhilfe der EU beigetragen. Doch die war provozierend gering – weniger als 300 Millionen Euro aus ganz Europa. Ihr Interesse am Wiederaufbau im Irak entdeckt die Bundesregierung offenbar erst jetzt, da es um Profite deutscher Unternehmen geht. Soviel zur moralischen Grundierung deutscher Außenpolitik.In Zeitungsarchiven vergilben inzwischen all die Texte deutscher Zeitungen, in denen der amerikanischen Regierung Doppelzüngigkeit vorgeworfen wurde: sie rede im Irak von Demokratie, in Wahrheit ginge es ihr um Profite. "Blut für Öl" lautete die Kurzfassung dieses Arguments, das sogar deutsche Bundesminister im Munde führten. Was ist heute aus diesem Argument geworden? Blut, soviel ist sicher, haben die Amerikaner gegeben. Und die Profite? Bislang versenken sie mehrere hundert Milliarden Dollar im irakischen Wüstensand und wollen nur eins: weg! Die Regierung und die Ölindustrie so schnell wie möglich den Irakern übergeben. Der Ölhahn tröpfelt im übrigens erst. Ökonomisch betrachtet, hat den Irak-Feldzug ein Pleitier geführt.Nach all dem kommt nun also der Bundeskanzler daher und beschwert sich über die amerikanische Vergabepraxis von Aufträgen. Wie viel Verständnis soll eine amerikanische Regierung dafür aufbringen?Das alles bedeutet nicht, dass die amerikanische Politik vertretbar oder gar geschickt wäre. Sie ist, genau genommen, ein Rückfall in die schlimmste Phase der transatlantischen Eiszeit. Sie stammt aus dem Verteidigungsministerium. Dort herrscht der ideologischen Rigorismus eines Ministers, der Alliierte nur als Gefolgsleute sieht und Abweichler bestrafen möchte. Dessen brachiale Politik ist in Washington sogar bei Konservativen unter heftiges Feuer geraten.Wie will Amerika weitere Hilfe für den Wiederaufbau gewinnen, wenn es die potentiellen Geber zugleich brüskiert? In der kommenden Woche wird der Sondergesandte James Baker nach Frankreich, Deutschland und Russland fahren, um über die Entschuldung Iraks zu verhandeln. Hier, immerhin, hatte Bundeskanzler Schröder im Geiste transatlantischer Wiederannäherung Kompromissbereitschaft angedeutet. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat nun die Reise des Sondergesandten Baker zur "mission impossible" gemacht.Nach außen verteidigt Präsident Bush zwar brav die Politik seines Ministers. Doch aus dem sonst hermetisch abgeriegelten Weißen Haus sickern absichtsvoll Indiskretionen heraus. Der Präsident, so heißt es, schäumt. Er ärgert sich über seinen Rumsfeld, der ihm die ganze Wahlkampfstrategie verdirbt. James Baker ist die schärfste Waffe George Bushs. Er ist der Mann für die schwierigsten Jobs. Immer, wenn es nicht weitergeht, wird er gerufen. Wie zuletzt nach der Wahl im November 2000, als Baker für Bush den juristischen Feldzug um die Wahlergebnisse in Florida anführte. Diesmal geht es wieder ums Ganze: Wenn Bush den Irak bis kommenden Sommer nicht halbwegs befriedet, gerät seine Wiederwahl in Gefahr. Deshalb muss Baker, der in Europa einen exzellenten Ruf genießt, Bush retten.Der Präsident wird jenen, die seine Wiederwahl gefährden, nicht gnädig sein. Das könnte sich zeigen, wenn er wieder gewählt ist und ein neues Kabinett bildet. Gut möglich auch, dass die Entscheidung zum Ausschluss der Kriegsgegner aus dem Wiederaufbau-Geschäft keinen Bestand haben wird. Auch Unteraufträge können lukrativ sein.