Gern legen sie sich Tarnnamen zu, nennen sich Spine2, Snag, Sinus 3, Osa oder raumlabor, ganz so, als sollte man sie eher für Computerbastler halten als für Architekten. Als sei es ihnen peinlich, zu jener schwarz gewandeten Bauzunft zu gehören, die immer noch darauf pocht, unsere Welt neu erfinden und den Menschen zum Schönen und Guten erziehen zu können. Mit jenen alten Herren, mit den einsamen, unverstandenen Genies, möchten die meisten jüngeren Architekten nichts zu tun haben. Stargehabe und Aufklärungsgewese, großer Ruhm und schwerer Ernst, das ist ihnen suspekt.

Sie nehmen es lieber leicht und tun, was Architekten eigentlich nicht tun: Sie schmunzeln über sich selbst. Sie lassen Luftballons steigen, auf denen steht "Architektur muss knallen!". Sie stellen mitten im Wohnquartier ein paar Container ab und rüsten sie für einen Sommer zur Badeanstalt um. Oder bauen ein Stadtmodell aus Kuchen, das peu à peu von den Bürgern vereinnahmt und verdaut werden darf. Manche gründen eine Bar, andere eine Buchhandlung, dritte eine Galerie, und alle verbindet die Hoffnung, endlich die Kluft zwischen Architekten und dem Rest der Welt zu überwinden. Sie wollen es nicht länger hinnehmen, dass Architektur nur etwas für Hochglanzmagazine ist. Deshalb der Aktionismus und die neuen Formen der Vermittlung, deshalb auch der Abschied vom alten Rollenklischee. Statt sich als Überväter der Gesellschaft aufzuspielen, schließen sich die Jüngeren zu temporären Aktionsgruppen und Gesprächskreisen zusammen, in denen der Name des Einzelnen nur wenig zählt. In Hamburg gründeten sich kürzlich die AA – AnonymenArchitekten.

Ganz freiwillig ist die neue Bescheidenheit allerdings nicht. Vielen, die heute ihr Diplom machen, bleibt gar nichts anderes übrig, als nach dem Ungewöhnlichen und Ungeplanten zu fahnden. Der Baubranche geht es miserabel, und in kleinen Architektenbüros liegt der Verdienst oft knapp über dem Sozialhilfesatz. Wer nach dem Studium nicht gleich aufgibt, wird zwangsläufig Lückensucher und Ersatzhandelnder. "Viele der Jungen sind gescheitert, bevor sie überhaupt angefangen haben", sagt Philipp Oswalt. "Sie werden Taxifahrer, oder sie begreifen das Scheitern als ihre Chance."

Auch Oswalt wurde Architekt, als niemand mehr Architekten brauchte. In Berlin, wo er studiert hatte, war der Bauboom an ihm vorbeigerauscht. Und so begann er nicht mit Planen und Entwerfen, sondern mit dem, was schon da war: mit den Brachen, den vielen verlassenen Wohnungen und Fabriken. Wie nur, so überlegte er, lässt sich dies Alte neu beleben? Wie kann man die Stadt re-urbanisieren? Er gründete mit ein paar Freunden die Urban Catalysts, beantragte bei der EU ein Forschungsprojekt und legte – viele Dutzend Formulare später – damit los, Berlin und seine Fehl-, Rest- und Freistellen zu untersuchen.

"Viele Architekten haben sich ja aufs Warten verlegt", sagt Oswalt. "Sie warten, dass ein Auftrag kommt, sie warten, dass sich ein Bauherr meldet." Doch gerade in verwaisten Stadtgebieten gibt es niemanden, der Aufträge vergeben könnte. Die Behörden schauen weg, die Immobilienhändler sind nicht interessiert, und die wenigen Bewohner, die dort leben, oft Künstler, Start-up-Firmen oder Autohändler, haben nicht genug Geld, um ernst genommen zu werden. "In der Stadtentwicklung zählen nur die Wohlhabenden. Das wollten wir ändern."

Also sprachen sie mit den Maklern und mit der Verwaltung, sie ermutigten Leute, die wenig Geld, aber viele Ideen hatten – und tatsächlich begann es den Verantwortlichen zu dämmern, dass Zwischennutzung eine Alternative zum Leerstand sein kann. Der Vandalismus nimmt ab, das Quartier belebt sich. "Da muss auch der Architekt umdenken", sagt Oswalt. "Er baut nicht Räume für eine Nutzung, sondern sucht Nutzer für Räume."

Symbolische Entgiftungen

Lange dauerte es nicht, bis auch der größte Leerraum der Hauptstadt ins Blickfeld der Urban Catalysts geriet, der Palast der Republik. Nicht aus Nostalgie, nicht aus Bekehrungsdrang, einfach nur, weil sie die Mitte Berlins beleben wollten, nahmen sie sich des gewaltigen DDR-Baus an – auch hier nicht als Handelnde, sondern als Agenten und Vermittler. Rasch fanden sie potenzielle Nutzer, vor allem Theater-, Opern- und Kunstleute, die gern in die weiten Räume gezogen wären. Und bald schon organisierten sie Führungen durch das asbestbereinigte, ausgeschabte Gebäude, riesig war die Neugier, groß das Medienecho. Doch trotz alledem und entgegen allen Empfehlungen der Schlossplatzkommission entschied sich der Bundestag vor ein paar Wochen für raschen Abriss.