No risk, no job

Das Geschäft mit der Sicherheit läuft gut. Schutz vor Entführung, Erpressung oder Anschlägen im Ausland? Die Profis von Control Risks kümmern sich darum

Frisch vom Flughafen, tauscht der Profi seinen Maßanzug mit dem Kampfanzug, befreit einen Ingenieur aus den Klauen kolumbianischer Geiselgangster, und die Frau des Entführten verliebt sich dabei noch ein bisschen in den Helden. So weit Russell Crowe in der Hollywood-Produktion – Lebenszeichen“

In der wahren Welt haben Profis dieser Art nur Maßanzüge. „Wir tragen auch keinen Trenchcoat oder Schlapphut. Wir sind Berater – Punkt“, sagt Robin S. Socha und rückt seinen Dreiteiler zurecht. „Operations Manager“ steht auf seiner Visitenkarte. Er arbeitet bei Control Risks Deutschland. Einer etwas ungewöhnlicheren Unternehmensberatung, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz. Die Control Risks Group (CRG) berät vor allem in Sachen Sicherheit und Risikovorsorge im Ausland. „Wenn wir Fehler machen, können große Gefahren drohen“, sagt Socha.

Innerhalb von 24 Stunden sind die Berater an jedem Ort der Welt

Nichts ist den Problemlösern zu heiß. Ein Manager wurde in Kolumbien entführt, Auslandsmitarbeiter sollen von der Elfenbeinküste evakuiert werden, Bombendrohungen im Nahen Osten oder Schutzgeld-Erpressung in Osteuropa – Control Risks kümmert sich darum. Ausschließlich beratend, wiederholt Socha noch einmal, wir verhandeln nicht direkt. Die Berater sind innerhalb von 24 Stunden an jedem Ort der Welt. Sie wissen, wie viel Lösegeld man zahlen muss, welche Vermittler vertrauenswürdig sind, wie man die Verhandlungen steuert, und sie kennen die richtigen Fluchtwege. Die Informationen stammen aus zahlreichen formellen und informellen Quellen aus den jeweiligen Ländern und sind in einer gewaltigen Datenbank gespeichert.

Control Risks gehört zu den Großen in der Sicherheitsbranche. Das Unternehmen mit Stammhaus in London hat knapp 400 feste Mitarbeiter, 17 Büros weltweit, unter anderem in Shanghai, Jakarta, Bogotá, Moskau, seit Juli auch im Irak. In Berlin hat sich die Firma in den Treptowers im Osten der Stadt eingerichtet, im 25. Stock, Glasfenster reichen vom Boden bis an die Decke. Eine Aussicht, die Kunden beeindrucken muss.

Wer die Kunden sind, will Robin Socha nicht mitteilen. „Absolute Verschwiegenheit gehört zu unseren Prinzipien“, sagt der Berater. Nur so viel gibt er preis: „Wir betreuen 16 der Dax-30-Unternehmen in Deutschland.“ Aber auf der Suche nach neuen Absatzmärkten und billigen Produktionsländern expandieren auch Mittelständler in Staaten wie Sudan oder Georgien. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag ist in rund 80 Ländern mit Auslandshandelskammern und Delegiertenbüros vertreten.

Das Geschäft mit der Sicherheit läuft gut. Bei 39 Millionen Pfund lag der Umsatz der Control Risks Group 2002. Im Geschäftsjahr 2003 bei 46 Millionen Pfund, das sind 70 Millionen Euro. Bei CRG schätzt man, dass die Kunden ihre Sicherheitsausgaben seit 2001 im Schnitt um 20 Prozent erhöht haben. In einer Untersuchung der International Security Management Association, zu der die Sicherheitschefs der größten international operierenden Unternehmen gehören, gaben 70 Prozent der Befragten an, dass die Kosten für Sicherheitsvorkehrungen gestiegen seien.

Es sind aber nicht nur die Terrorattacken vom 11. September oder die Bombenanschläge in Jakarta, Istanbul, Riad und Moskau, die den Unternehmen Sorgen machen. Entführungen sind ein alltägliches Risiko. Beispiel Kolumbien: Mit rund 15000 Geiselnahmen in den vergangenen sechs Jahren führt das Land die Kidnapping-Rangliste an. Jährlich werden dabei bis zu 500 Millionen Dollar „umgesetzt“. Entführungen haben sich zu einem regelrechten Wirtschaftszweig entwickelt. Es trifft dabei natürlich nicht nur expatriates,trotzdem sind sie einer ständigen Gefahr ausgesetzt.

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ So selbstbewusst hat sich Control Risks Deutschland bei Hölderlin bedient, um die Firmenphilosophie auf der Homepage zu benennen.

Vorsorgen ist den Beratern dabei wichtiger als Reagieren. Im Idealfall soll das Expertenwissen verhindern, dass der Ernstfall eintritt. „Wenn Sie im Moment der Krise anfangen zu handeln, haben Sie einen Schritt zu wenig gemacht.“ Deshalb arbeitet CRG rechtzeitig Evakuierungspläne aus. Und berät schon bei der Wahl eines Standortes. Welche Stadtviertel sollte man meiden, welche Risiken lauern auf dem Weg zum Büro, welche Wohnungen sind sicher? Sie checken das Hauspersonal, vom Kindermädchen bis zum Fahrer. Und, ebenso wichtig, sie klären auf, mit wem man sich besser nicht auf Geschäfte einlässt. Socha erinnert sich an Kairo. Ein Unternehmen hatte seine Mitarbeiter in zwei verschiedene Stadtviertel aufgeteilt, zu beiden Seiten des Nils. Ungeschickt war das, sagt der Berater. Denn im Krisenfall, und Unruhen waren zu dieser Zeit in Ägypten nicht auszuschließen, wären die Nilbrücken gesperrt worden – und nur noch die Hälfte der Mitarbeiter zum rettenden Flughafen gekommen.

In der Firma arbeiten Anwälte, Journalisten und ehemalige Soldaten

Wer sich im Ausland sicher bewegen will, muss sich schon in Deutschland entsprechend vorbereiten. Davon ist auch Jörg Trauboth überzeugt. Der Oberst a. D. und ehemalige Tornado-Flieger hatte lange für ein britisches Sicherheitsunternehmen in Deutschland und Russland gearbeitet, bevor er seine eigene Firma gründete, Trauboth Risk Management (TRM). Zusammen mit Psychologen werden bestimmte Gefahrensituationen durchgespielt. Ein Fremder reißt die Wagentür auf oder dringt in die Wohnung ein. In dieses „Sensibilisierungsprogramm“ wird auch die Familie des künftigen Auslandsmitarbeiters einbezogen. Diese Szenarien funktionieren unabhängig vom jeweiligen Land. Denn „wenn jemand in eine bedrohliche Situation kommt, ist es für die Betroffenen erst einmal egal, ob sie in Kolumbien oder Russland sind“, sagt Trauboth. Erst in einem zweiten Schritt geht es um die länderspezifischen Risiken und darum, wie man sie am besten bewältigt.

Auch bei Control Risks werden die einzelnen Phasen einer Entführung in Rollenspielen nachgestellt. Die Mannschaft des Unternehmens ist wie bei TRM interdisziplinär. Anwälte, Wirtschaftswissenschaftler, Politologen, Steuerfahnder, Journalisten, ehemalige Polizisten, Soldaten und Exgeheimdienstmitarbeiter. Ehemalige britische Antiterrorspezialisten waren es auch, die CRG 1975 gegründet haben. Der in den ersten Jahren zurückhaltende Umgang mit der Presse und der anfangs hohe Anteil von Militärs mögen zu dem James-Bond-Image beigetragen haben, sagt Toby Latta, der seit wenigen Monaten Control Risks Deutschland leitet.

Latta selbst arbeitete als Journalist, bevor er bei Control Risks einstieg. Er hatte in Oxford russische und französische Literatur studiert, dann als freier Reporter aus Moskau berichtet. Anfang der neunziger Jahre begann er über die Organisierte Kriminalität in Russland zu recherchieren und lieferte auch Berichte an die CRG-Zentrale in London.

In London verarbeiten die Mitarbeiter die eingehenden Informationen, erstellen Länderanalysen und teilen die Welt in Risikokategorien ein: „extrem“, „hoch“, „mittel“, „niedrig“ und „zu vernachlässigen“. 200 Länder haben sie in dieses Raster gefasst, von Afghanistan bis Simbabwe. Dabei unterscheiden sie zwischen politischen, wirtschaftlichen und sicherheitsrelevanten Risiken sowie den verschiedenen Regionen eines Landes. Unter den Hochrisikoländern finden sich beispielsweise Pakistan, Irak und Kolumbien. Indonesien ist mit mittlerem Risiko eingestuft. Deutschland taucht in der Liste natürlich auch auf, mit niedrigem Level, ganz sicher ist beispielsweise Island. Die Informationen beschaffen so genannte Stringer aus den jeweiligen Ländern, das können Anwälte sein, Journalisten oder Polizisten.

Die Länderreports werden viermal täglich aktualisiert. Die Zentrale in London ist rund um die Uhr besetzt. Da bleibt wenig Zeit für Nebentätigkeiten. Aber eine kurze Beratung für Russell Crowe in Proof of Lifewar dann doch drin, wie man dem Abspann des Films entnehmen kann. Auch wenn Russell die Ratschläge etwas eigenwillig umgesetzt hat.

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  • Von Arnfrid Schenk
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 17.12.2003 Nr.52
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