Die Langzeit-Utopie eines kollektiven Aufstiegs der Unterschichten, einer daraus resultierenden relativ homogenen Mittelklassegesellschaft ist gescheitert – und wir wissen immer noch nicht, wie wir damit umgehen sollen. Die soziale Pyramide hat sich nicht in einen Flachdachbungalow verwandelt, dem "Fahrstuhleffekt" (Ulrich Beck) der allgemeinen Steigerung des Wohlstandsniveaus zum Trotz. So sind die Unterschichten in den letzten drei Jahrzehnten, seit dem Knick der boomenden Nachkriegsökonomie und des Fortschrittsbewusstseins in der ersten Ölkrise, nicht verschwunden. Sie füllen jetzt den Raum in den zerklüfteten Tälern der Erwerbsgesellschaft, der sich in der Krise der familiensichernden Vollzeitarbeit herausgebildet hat: zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit, zwischen Teilzeitarbeit und Sozialhilfe, zwischen Schwarzarbeit und frustriertem Totalrückzug, auch: zwischen völliger Entpolitisierung und Anfälligkeit für den Populismus.

Die Illusion einer nivellierten Massengesellschaft konnte in den letzten zwei Jahrzehnten nicht zuletzt durch den Aufstieg der neuen Massenkultur genährt werden, die durch das kommerzielle Fernsehen einen wesentlichen Schub erhalten hat. Diese Massenkultur ist längst nicht auf RTL & Co. beschränkt, sondern bezieht konventionelle Medien wie das Buch (von Bohlen bis Effenberg) genauso ein wie eine mediale Inszenierung des Lebens ganz allgemein. Der Bedeutungsverlust der Arbeit (nicht nur in Wochenstunden, sondern in der verbreiteten gesellschaftlichen Minderschätzung als "Job") und der Zugewinn an Freizeit haben ebenfalls dazu beigetragen, dass persönliche Identität und soziale Zugehörigkeit in wachsendem Maße kulturell statt sozialökonomisch definiert werden.

Doch das gilt auch für die Markierung von Klassenunterschieden. Die neue Massenkultur wirkt nicht etwa schlechthin nivellierend. Nicht jeder vermag sich der Stilelemente dieser Kultur ironisch zu bedienen oder zwischen den verschiedenen Stilebenen zu wechseln wie der Zapper zwischen RTL2 und Arte, zwischen Aldi und Edel-Italiener. Deshalb ist die neue "Massenkultur" – mehr als wir zumeist wahrnehmen – zugleich zu einer Klassenkultur der neuen Unterschichten geworden.

Nehmen wir das Beispiel der Ernährung, wo die Entsprechung zum Trash-Fernsehen Fast Food heißt. Die grüne Verbraucherministerin Renate Künast hat gelegentlich auf die wachsende und erschreckende Zahl übergewichtiger Kinder und Jugendlicher hingewiesen und auf die Ursachen in Fehlernährung und Bewegungsmangel. Weniger deutlich war zu hören, dass dies keineswegs ein universelles, alle Familien, Schulen, Schichten gleichermaßen betreffendes Phänomen ist, sondern vor allem ein Klassen-, ein Unterschichtenproblem.

Aus den Vereinigten Staaten kennen wir jene Fälle, in denen Übergewichtige eine Restaurantkette wie McDonald’s auf Schadenersatz verklagten, weil sie dort mit Hamburgern überfüttert worden seien, über deren Wirkung sie nichts gewusst hätten. Hierzulande gibt es zwar ein weniger "verbraucherfreundliches" Haftungs- und Schadenersatzrecht, aber eine ähnliche Mentalität. Schuld sind immer die anderen, und zumal die profitgierigen Fieslinge vom Big Business. Der herrschende kulturpolitische Diskurs der Linken (aber auch die konservative Kulturkritik) hat viel zu lange einer Manipulationstheorie der Unterschichtenkultur angehangen und "den Kapitalismus" oder "die Moderne" angeprangert, statt sich mit den Kulturen und Milieus auseinander zu setzen, in denen dieses Verhalten entsteht.

Sich gut und vernünftig zu ernähren, hört man dann, sei eben teurer – womit man wieder bei den materiellen Verhältnissen und damit bei der Forderung nach Umverteilung wäre. Das ist jedoch eine Legende. Jede zu Hause zubereitete Mahlzeit aus Kartoffeln und Gemüse, aus Vollkornbrot und Käse ist billiger zu haben als die Dauerernährung in Imbissbude und Schnellrestaurant, die vielen Kindern der Unterschichten zugemutet wird – wohlgemerkt: nicht von den Konzernen, sondern von ihren eigenen Eltern. Die Kultur und der Lebensstil der Unterschichten hat sich in weiten Bereichen von der ökonomischen Basis, von materiellen Notlagen längst entkoppelt. Problematischer Medienkonsum ist ja auch nicht billiger als die Lektüre von Büchern – in der Videothek, für den Gameboy oder das Premiere-Abonnement kommt monatlich einiges zusammen, von dem klassenspezifischen Konsumdreieck aus Tabak, Alkohol und Lottospiel einmal ganz zu schweigen.

Die kulturellen Wurzeln der Verwahrlosung zeigen einen tiefgreifenden historischen Wandel im Bewusstsein und in der Lage der Unterschichten. Seit dem 18. Jahrhundert ist die bürgerliche Kultur mit einem umfassenden, universalen Anspruch aufgetreten. Ihre Werte wie Leistung und Disziplin, Bildung und Benehmen, Höflichkeit und Toleranz sollten den Maßstab für Glück und gelungenes Zusammenleben quer durch die ganze Gesellschaft bilden. Die industrielle Arbeiterschaft machte sich das bürgerliche Werte-, Verhaltens- und Kulturmodell seit der Mitte des 19. Jahrhunderts als Leitbild zu Eigen und propagierte es zumal in ihrer eigenen Avantgarde, der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung. Das "Proletarische" hatte mit den "Proleten" immer weniger zu tun, und die Arbeiter waren stolz darauf.