Essay Das große FressenSeite 2/2

Die Kultur der unteren Schichten wurde damit ganz bewusst an den Sog der bürgerlichen Kultur angeschlossen, für ein gutes Jahrhundert, bis in die 1950er und 1960er Jahre hinein. Bürgerliche Bildung? Ihr eiferte man mit eigenen Leihbüchereien, in Bildungsvereinen, später in Volkshochschulen nach. Bürgerliches Wohnen? So bald die materiellen Verhältnisse es gestatteten, wurde die „gute Stube“ eingerichtet. Dieser produktive Nachahmungs- und Integrationsprozess schloss nicht zuletzt auch die Arbeiterschaft in die politische Nation und Gesellschaft mit ein. Auf historisch beispiellose Weise partizipierten untere Schichten an der Demokratie des 20. Jahrhunderts und ließen dadurch die Vision einer universellen bürgerlichen Gesellschaft greifbar nahe erscheinen.

Seit den 1960er und 1970er Jahren jedoch ist dieses Leitbild der Verbürgerlichung in den unteren Schichten immer stärker zerbröckelt. Nicht zuletzt deshalb, weil das bürgerliche Kulturmodell in den bürgerlichen Schichten selbst an Überzeugungskraft einbüßte. Die 68er haben die Bürgerlichkeit als Bürgerkinder angegriffen, also in dem stillen Bewusstsein, sich am Ende, nach der Revolte, doch auf das bürgerliche Sicherungsnetz ihrer Bildung, ihrer Herkunft, ihrer kulturellen Ressourcen ganz allgemein verlassen zu können. Aber nicht alle, die das nachahmenswert fanden, hatten dieses Netz zur Verfügung, und dann war ein Absturz die Folge. Die Schäden kann man jetzt unter anderem in jenen Elterngenerationen besichtigen, die mit einer missverstandenen Laisser-faire-Erziehung gescheitert sind. So waren sie dem Ansturm der neuen Medien und Massenkultur seit den achtziger Jahren wehrlos ausgesetzt.

Wir stehen vor einem Neubeginn, einem Paradigmenwechsel im politischen Umgang mit den Unterschichten. Wir sind zu lange einem Konzept gefolgt, das man als „fürsorgliche Vernachlässigung“ bezeichnen könnte. Einer vergleichsweise hohen materiellen Fürsorge der Unterschicht steht eine Vernachlässigung in sozialer und kultureller Hinsicht gegenüber. Das Ziel muss es wieder sein, Kulturen der Armut und der Abhängigkeit, des Bildungsmangels und der Unselbstständigkeit nicht sich selbst zu überlassen, sondern sich einzumischen, sie herauszufordern und aufzubrechen. Es geht um Integration in die Mehrheitsgesellschaft, aber auch – für viele ein heikleres Thema – um die Vermittlung kultureller Standards und Leitbilder.

Schon der Aspekt der Integration ist in Deutschland, besonders seit den 1980er Jahren und in der politischen Linken, häufig tabuisiert worden. Sollen in einer multikulturellen, einer toleranten Gesellschaft nicht alle nach ihrer Fasson selig werden, ihre eigene Muttersprache lernen, ihren eigenen Verhaltensstandards folgen? Das bleibt ein erstrebenswertes Ideal liberalen Zusammenlebens – es funktioniert nur nicht unter den Bedingungen krasser Ungleichheit. Die Bildungspolitik ist wahrscheinlich das wichtigste Feld, auf dem ein gewisser Integrationszwang ausgeübt werden muss – siehe die Debatte um deutsche Sprachkompetenz und rechtzeitige Sprachförderung. Ein anderes Beispiel wäre eine noch deutlicher markierte Politik der „zero tolerance“ gegenüber Gewalt an den Schulen, in den Familien und auf der Straße. Und sollten wir es, um die zunehmend auch räumlich eingekapselten Klassenstrukturen durchlässiger zu machen, mit der amerikanischen Strategie des „busing“ versuchen – also der gezielten Durchmischung von Schulen und Klassen per Schulbus über Stadtviertelgrenzen hinweg? Der Aufschrei der Mittelschicht-Eltern wäre groß, und ein Patentrezept ist es nicht. Aber des Nachdenkens wäre es wert.

Eine neue Politik der Unterschichten wird sich an einem zweiten Aspekt nicht vorbeimogeln können. Es geht nicht einfach nur um den Anschluss an eine Mehrheitskultur. Die Frage ist zugleich: Was soll mit dieser Integration vermittelt werden, welche kulturellen Werte, Leitbilder und Verhaltensmuster sollen gelten? Wir haben es uns fast schon abgewöhnt, „Kultur“ unter normativen Gesichtspunkten zu betrachten: Literatur ist nicht nur Goethe, Mozart ist auf seine Weise auch „Popmusik“, und Beuys war anfangs alles andere als Kanon. Und doch können wir der Frage nach der Bewertung und Hierarchisierung von Kultur nicht ausweichen. Lesen ist tatsächlich „besser“ als Fernsehen oder Gameboy, und die Lektüre eines guten Romans oder Sachbuchs wieder „besser“ als die von Trivialliteratur oder der allgegenwärtigen Ratgeber. „Besser“ hat dabei nichts mit Bildungsdünkel zu tun, sondern lässt sich konkret übersetzen in: Kreativität fördernd, soziale Kompetenzen stärkend, individuelle Chancen eröffnend.

Das gilt sogar für die lange als „Sekundärtugenden“ verschmähten Standards der Höflichkeit oder Zivilität im Alltagsverhalten, wie sie jetzt, da diese Fähigkeiten offenbar den Elternhäusern abhanden gekommen sind, vermehrt wieder in der Schule vermittelt werden sollen. Dennoch ist es kein Zufall, dass dieser kulturelle Katalog eine bürgerliche Herkunft und auch weiterhin ein bürgerliches Gepräge besitzt. Wir kommen kaum an der Einsicht vorbei, dass es sich dabei um so etwas wie eine Leitkultur handelt.

Damit ist keinesfalls das Projekt einer Zerstörung kultureller Vielfalt, einer repressiv vereinheitlichten Kultur gemeint. Aber alle Varianten und Ausdrucksformen von Kultur, auch von Religion übrigens, müssen sich an bestimmten Standards messen lassen. Erweitern oder beschränken sie die Chancen auf ein selbstbestimmtes, aktives Leben? Eröffnen sie Möglichkeiten, oder schnüren sie Menschen im Ghetto marginalisierter Lebensformen ein? Es reicht nicht mehr aus, die Verschiedenheit von Kulturen bloß „anzuerkennen“.

Das wird nicht nur eine Herausforderung für die Unterschichtenmilieus sein, sondern ebenso für die Mehrheitsgesellschaft, für die bürgerliche Kultur, nicht zuletzt auch für die politischen Parteien. Besonders bei der SPD verspürt man inzwischen ein Unbehagen darüber, zu sehr vom Leitbild des Aufstiegs, der aktiven, leistungsbereiten „kleinen Leute“ abgekommen zu sein. Man erinnert daran, dass die SPD nicht durch Anspruchsberechtigte und Fürsorgeempfänger, sondern durch aufstiegsorientierte Arbeiter und Handwerker geprägt worden ist – „people who work hard and play by the rules“ , wie SPD-Generalsekretär Olaf Scholz Bill Clinton zitiert hat. Aber was ist mit denen, die sich nicht an die Regeln halten? Lässt man sie draußen vor der Tür, oder versucht man, sie zu erziehen? Diese Debatte ist noch nicht an ihr Ende gekommen, nicht nur in der SPD. Aber wenn wir in 20 oder 30 Jahren zurückblicken, werden wir erschrocken sein, wie zäh wir an der Politik der „fürsorglichen Vernachlässigung“ festgehalten haben. Und welche Kosten wir damit den Benachteiligten, aber auch der Gesellschaft insgesamt aufgebürdet haben.

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 17.12.2003 Nr.52
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  • Schlagworte Renate Künast | Essay | Literatur | Aldi | SPD
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