Wenn sich Politiker heute einen neuen Bürger wählen dürften, dann wäre dieser endlich ein freier Mensch, aus staatlicher Vormundschaft entlassen und ganz sein eigener Herr. Den alten Sozialstaat, diese Zwangsveranstaltung, würde der freie Bürger nur aus den Erzählungen seiner Großeltern kennen. Er fiele keinem zur Last und wäre seines eigenen Schicksals Schmied. In der Krankenversicherung wählte er das Plus-Paket, denn das wäre er sich wert. Würde ihn ein Konsumforscher nach seinem Selbstbild fragen, sagte er: liberal und modern, flexibel und effizient. Aber auch innovativ und optimistisch. Und vor allem eins: frei.

Ist der freie Bürger der Zukunft glücklich? Glück gehört auch dazu, ist aber eine Frage der Einstellung. Glück ist, wenn man sein inneres Gleichgewicht findet. Besitzt er für einige Monate einen festen Arbeitsplatz, empfindet er Dank. Höchstleistungen sind ihm nicht fremd, Enttäuschungen helfen ihm weiter, und Scheitern ist seine Chance. Illusionen hat er keine, dafür ist das Leben zu kurz. Wer überleben will, muss kämpfen. Er wird es schon schaffen. Er ist ein freier Mensch.

Könnte sich der freie Bürger auch Kinder vorstellen? Er kann. Stören sie nicht ein Leben in Freiheit? Nein, sie wären das Einzige, was staatlich gefördert würde, denn Kinder sind das Ticket in die Zukunft. Jeder Cent für Humankapital sichert den Wohlstand von morgen. Leistungsträger kommen mit vier zur Schule; ihre Erziehung ist freundlich, wettbewerbsorientiert und marktnah. Jeder Schüler, sagt man, ist sein eigener Knowledge-Unternehmer. Leistungs-Screening sichert gleichbleibende Qualität, auch beim Lehrpersonal. Persönlichkeitsseminare stärken "Stressresistenz, Selbstwirksamkeitserwartung und Nachhaltigkeitsbereitschaft". Denn das Leben ist kein Zuckerschlecken. Es ist Freiheit in Bewährung und Erwartung. "Selbstwirksamkeitserwartung".

Ist das eine Karikatur? Nein, diese Schlagworte zur marktkonformen Verwertung des kindlichen Humankapitals sind im Umlauf. Ins Spiel gebracht hat sie eine Studie (Bildung neu denken), die die bayerische Wirtschaft in Zusammenarbeit mit dem Prognos-Institut und dem Berliner Philosophen Dieter Lenzen erstellt hat – zur zweckdienlichen Steigerung von Freiheit.

Auch bei Politikern steht "Freiheit" auf Platz eins, Arm in Arm mit "Eigenverantwortung" oder "Bürgergesellschaft". Beim Streit um den Abbau des Sozialstaates ist Freiheit der Joker, wenn keine andere Karte mehr sticht, selbst bei denen, die lieber von ewigen Werten und haltenden Mächten reden und bei diesem Wort spontan an deren Missbrauch denken. Die neue Freiheit verspricht den Ausgang aus der Unmündigkeit; die Freiheit von Fürsorge und staatlicher Vormundschaft. Oder, wie die katholischen Bischöfe es formulieren: das Ende der "komfortablen Normalität" einer Sozialstaatsexistenz.

Sogar die allzeit gerechte SPD hat sich in eine Freiheitsorganisation verwandelt. Gestern noch eine Pastoralpartei, die alle Schäfchen am Tisch des Herrn versammelte ("Versöhnen statt spalten"), heißt die Losung heute: nicht Umverteilung, sondern Freiheit; nicht Politik für alle, sondern nur für die Willigen. Aus dem Hausvater ist der herrische Platzanweiser geworden, und keiner hat dies so unverblümt ausgesprochen wie der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Peer Steinbrück (SPD): "Soziale Gerechtigkeit muss künftig heißen, eine Politik für jene zu machen, die etwas für die Zukunft unseres Landes tun: die lernen und sich qualifzieren, die Kinder bekommen und erziehen, die etwas unternehmen und Arbeitsplätze schaffen, kurzum, die Leistung für sich und unsere Gesellschaft erbringen. Um sie – und nur um sie – muss sich Politik kümmern" (ZEIT Nr. 47/03).

Neu ist die Rhetorik nicht. Schon immer wurde dem Bürger die Freiheit vom Fürsorgestaat schmackhaft gemacht, wenn in Konjunkturkrisen soziale Errungenschaften auf dem Spiel standen und die Durchsetzung sozialer Rechte blockiert werden sollte. Fast könnte man sagen: Die Kritik am Wohlfahrtsstaat ist so alt wie dieser selbst. Zu den frühesten Skeptikern zählt Alexis de Tocqueville, dem die Welt die wunderbar scharfsinnigen Beobachtungen Über die Demokratie in Amerika (1835) verdankt. Der "Wohlfahrtsstaat", so lautete das Urteil des konservativen Liberalen, "ist eine gewaltige, bevormundende Macht, die allein dafür sorgt, die Genüsse der Untertanen zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen." Die staatliche Wohlfahrt "herrscht" wie eine gütige Despotie, "unumschränkt, ins Einzelne gehend, vorsorglich und mild". Statt den Menschen auf das reife Alter vorzubereiten, "hält sie ihn unwiderruflich im Zustand der Kindheit" fest. Der Wohlfahrtsstaat "zwingt selten zu einem Tun", aber er infantilisiert den Einzelnen, "weicht ihn auf" und "zermürbt" seinen Willen. Das freie Volk dämmert in unfreier Freiheit vor sich hin, wie eine "Herde ängstlicher und arbeitsamer Tiere, deren Hirte die Regierung ist".

Dennoch war Tocqueville kein Freund eines Liberalismus, für den eine Gesellschaft erst dann wahrhaft frei ist, wenn Arme und Reiche gleichermaßen das Recht haben, unter Brücken zu schlafen. Im Gegenteil, Tocqueville verteidigte soziale Rechte als Fundament der Demokratie – und fürchtete gleichwohl, eine staatlich verwaltete Gerechtigkeit schade der Freiheit.