Kristiansand ist eine kleine, wohlgeordnete Stadt am Meer im südlichsten Norwegen. Von dort aus kann man das Schiff nach Hirtshals, Dänemark, Göteborg, Schweden, oder Newcastle, England, nehmen. Man kann mit kleineren Booten an der bilderbuchschönen Küste herumtuckern. Segeln. Auf der Fischerbrücke stehen und auf ein neu gebautes Idyll von rostrot angestrichenen Restaurants und kleinen Läden schauen. Oder in der Halle, wo der Fischmarkt ist, in den Tanks und auf den Tresen das Angebot still betrachten. Wie es dem Landesgeräuschpegel entspricht.

An einer niedrigen Kaimauer des Segel-Hafens steht eine hohe, schmale Betonskulptur, zwei Schiffskörper vor dem Horizont, irgendwo zwischen der Vergangenheit dieses zweitgrößten norwegischen Hafens und der Gegenwart des Containerhandels, der völlig neue Strukturen und Architekturen erfordert. Zwei Herrenkörper stehen an ähnlich prominenten Plätzen der im Schachbrettmuster erbauten Stadt: König Christian IV. von Dänemark, der mit dem Bau einer Festung plus Stadt im Jahr 1641 weniger Probleme hatte als bei der Teilnahme am Dreißigjährigen Krieg. Anders als Christian, kleiner Rundling mit Stulpenstiefeln und Säbel, ist der bronzene König Haakon VII., der 1940 kurz vor der Kapitulation seines Landes mit der Regierung zu Schiff nach England aufbrach, ein Fall von majestätischer Magersucht im knöchellangen Militärmantel. Dass die Norweger, die in Skandinavien immer etwas hin und her geschubst und erst 1905 durch die Trennung von Schweden ganz selbstständig wurden, diesen angesehenen und geliebten König, der ein dänischer Prinz war, erst importieren mussten, spielt keine Rolle. Und der Ring der Herrscher schließt sich, wenn man weiß, dass Kronprinzessin Mette-Marit aus Kristiansand stammt.

Was gibt es noch in Kristiansand? Außer den schönen, weiß gestrichenen Holzhäusern im Stadtzentrum? Natürlich eher nichts, und das ist ja gerade das Schöne, darf man sagen, auch wenn man mit bemerkenswert aufwändigen Prospekten versorgt wird, die einem die kulturellen Angebote (zu denen ein Kanonenmuseum mit singulärem Material aus dem Zweiten Weltkrieg, ein Eisenbahnmuseum und ein Tier- und Freizeitpark gehören) und die Naturschönheiten der Region Sörlandet, deren Kapitale Kristiansand ist, anschaulich und verlockend beschreiben. Wandern, Schwimmen, Lachsangeln, Skilanglauf, Elchsafaris – wer braucht da noch das Phantom der Oper?

Am 17. Dezember beginnt in Kristiansand eine neue Zeitrechnung, nach diesem Tag wird man in die Schlagzeilen geraten als die Stadt, in der über Kunst und Kultur ein märchenkompatibler Goldregen heruntergekommen ist. An diesem Tag sollen die Namen der glücklichen Bewerber bekannt gegeben werden, denen es gelungen ist, als Erste an diesem neuen Reichtum, den eine Stiftung namens Cultiva verteilt, zu partizipieren. 20 Millionen Kronen werden hier vergeben, also rund 2,5 Millionen Euro, in einer Stadt mit circa 72000 Einwohnern. 288 Bewerbungen lagen am 1. Oktober, dem letzten Einsendetag, vor.

So ganz neu ist der Reichtum von Norwegen im Allgemeinen und Kristiansand im Besonderen allerdings nicht. Nach den erfolgreichen Erdöl- und Erdgasbohrungen in der Nordsee ist das Land, das vor 30 Jahren noch als arm galt im europäischen Vergleich, zu dem nach Saudi-Arabien und Russland weltweit größten Ölexporteur und dadurch zum Land mit einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen geworden. Wohin mit all dem Geld? Als sparsame Haushalter haben die Norweger ihr frisches Vermögen weitgehend in Fonds und Aktien angelegt, machen Geld mit dem Geld, zweigen zwar einiges für die Schulen und Hochschulen ab, überlassen aber zum Beispiel das Gesundheitswesen aus den Armutszeiten sich selbst. Ist das nun Volks- oder Privatwirtschaft?

Weil ein Reichtum aber selten allein kommt, wurde gleichzeitig auch die Wasserenergie als Einnahmequelle erfolgreich ausgebaut, wiederum nicht direkt der Bevölkerung zugute kommend, denn Ende letzten Jahres wurde der Strompreis verdreifacht. Der norwegische Mensch, meinen die Verantwortlichen streng, soll ruhig mal wieder Holz für den Ofen hacken, auch davon gibt es ja genug. Allein lebende alte Menschen allerdings, denen die Stromrechnung zu hoch und das Axtschwingen zu anstrengend ist, dürfen dann eben etwas kühler wohnen.

Der Reichtum von Kristiansand kommt aus der Wasserenergie. Die Stadt, Besitzerin des Agder Energi A/S, hat ihre Aktien bis auf einen Rest von 5,3 Prozent verkauft, und zwar an den Staat. Gewinn: 2,2 Billionen Kronen. Hiervon wurden 1,44 Billionen Kronen in die Cultiva Kristiansand Kommunes Energiverkstiftelse gesteckt. Erling Valvik, früher Oberstadtdirektor in Kristiansand, ist der Direktor der Stiftung, am Tag nach unserem Treffen flog er nach Stockholm, um sich, unter der Ägide eines Fachmanns, an der Börse umzuschauen. Das Stiftungskapital darf nicht angerührt werden, von dem Gewinn und den Zinsen, die zu erwarten sind, sollen in Zukunft zwischen 60 und 70 Millionen Kronen pro Jahr von Cultiva ausgegeben werden. Natürlich gibt es ein Kuratorium, das über die Entscheidungen abstimmt. Ellen Horn, ehemalige Kulturministerin Norwegens und Schauspielerin, steht ihm vor. Aber ebenso natürlich spürt der Besucher nach zwei wohlbetreuten Tagen in Kristiansand und einem animierenden Abendessen mit dem Cultiva-Direktor, der langjährigen Bürgermeisterin und der Kulturleiterin der Stadt, dass hier alles in der Familie bleibt.

Diese Familie hat sich allerdings einen richtungsweisenden Schutzheiligen erkoren. Er heißt Richard Florida, ist Professor für regionale Wirtschaftsentwicklung an der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh und hat im Jahr 2002 ein Buch veröffentlicht mit dem Titel The Rise of the Creative Class: And How It’s Transforming Work, Leisure, Community and Everyday Life. Erling Valvik hat Floridas Buch gründlich ausgewertet, er reicht ein aufmerksam annotiertes Exemplar über den Tisch. Florida, der auch über eine schmucke Homepage verfügt, entwirft in seiner Schrift ein Konzept für die Städte und Stätten der Zukunft, und weil er ein durchaus empirischer Heilsversprecher ist, beschreibt er vor allem die "neuen Kreativitätsstrategien", die normale Städte und Regionen in Orte der Zukunft verwandeln werden. Auf drei alliterierenden Säulen ruht diese Zukunft: Technologie, Talent und Toleranz. Für die wichtige Komponente Lifestyle sind natürlich Kunst und Kultur gefragt, weshalb Florida hier nicht nur üppige Investitionen empfiehlt, sondern zur atmosphärischen Animation auch die Ansiedlung von Künstlern, Straßenmusikern, Homosexuellen und anderen von der Mitte aus gesehen randständigen Individuen für vielversprechend hält. Dublin, Amsterdam, London, Frankfurt, München, San Francisco und Seattle haben es, so Florida, geschafft, sind "Cluster für Talente und Technologie" geworden. Und nun also Kristiansand?