Man kann nur darüber staunen, wie es der Bielefelder Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler schafft, neben seinem Opus magnum Deutsche Gesellschaftsgeschichte – von dem bisher vier Bände mit insgesamt fast 4500 Seiten erschienen sind – auch noch wissenschaftliche Aufsätze, Rezensionen sowie tagespolitische Interventionen zu schreiben. Der neueste Band mit solchen Essays umfasst 26 Arbeiten, die mit wenigen Ausnahmen in den letzten zwei Jahren entstanden sind, also parallel zur Arbeit am vierten Band der Gesellschaftsgeschichte.

Spuren der Beschäftigung mit der Zeit von 1914 bis 1949 lassen sich auch in den Aufsätzen und Rezensionen finden, denn einige handeln vom deutschen Bürgertum. Nichts treibt den forschenden Furor Wehlers so stark an, wie die Suche nach Ursachen und Erklärungen für das totale politische Versagen und den vollständigen moralischen Verfall des deutschen Bürgertums vor und im Ersten Weltkrieg, während der Weimarer Republik und erst recht unter dem Nationalsozialismus.

In mehreren Aufsätzen beschäftigt sich Wehler mit der Geschichte des Bürgertums, einer Klassenformation, die sich zugleich diskreditiert und als regenerationsfähig erwiesen hat. Großbügertum, Bildungsbürgertum und bürgerliche Mittelklassen (Kleinbürger, Beamte) blieben zahlenmäßig von 1913 bis 1945 fast konstant; sie machten zwischen 15 und 20 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

In der Nachkriegszeit unterlag das Bürgertum manchem Formwandel und verlor exklusive Accessoires – von den Dienstmädchen bis zum quasifeudalen Lebensstil – , stieg aber wie ein Phönix aus der Asche, die es nach den Weltkriegen hinterlassen hatte. Gegen die modische Feuilletonsoziologie der "Zweiten Moderne", die vor lauter Pluralisierung und Individualisierung die harten Tatsachen und "Tiefenstrukturen" sozialer Ungleichheit gar nicht mehr wahrnimmt, zeigt Wehler, dass der "Klassencharakter der Gesellschaft" – trotz egalisierender Trends – nach 1945 keineswegs verschwunden ist. 1950 kam die Hälfte der Spitzenleute in der Wirtschaft aus dem Großbürgertum. 1995 waren es 83 Prozent: "Exklusivität und Kontinuität" sind die Markenzeichen der wirtschaftsbürgerlichen Elite gestern wie heute.

Zwar bestreitet Wehler nicht, dass die Bildungsexplosion nach 1968 manchen aus den unteren bürgerlichen Schichten und wenigen aus dem Arbeitermilieu den sozialen Aufstieg ermöglicht hat. Die Ungleichheit der Bildungschancen habe sich aber "nicht verringert, sondern vergrößert". Sozialisationsprägungen, Familieneinflüsse sowie ein anachronistisch-selektives, dreigliederiges Schulsystem sorgen dafür, dass nur ganze zwei Prozent der Kinder aus Familien von Nichtfacharbeitern an die Hochschulen gelangen – ein skandalöses Defizit der Demokratie.

Wehler versteht sich als streitbarer politischer Professor – im Sinne Theodor Mommsens und nicht der Deutschtümler von Treitschke bis zu den kriegerischen Kathederirrationalisten von 1914. Er bevozugt in seinen tagespolitischen Interventionen wie in seinen Rezensionen bündige Urteile. Der Stammtischidee, die Zusammenlegung von Berlin mit Brandenburg "Preußen" zu nennen, kann er gar nichts abgewinnen: "Leichen widersetzen sich der Wiederbelebung, und jede Form der politischen Nekrophilie ist abartig." Dem Versuch von Jörg Friedrich, mit seinem Buch Der Brand an die Opfer der Städtebombardements zu erinnern, bescheinigt er "bedenkenlose Neigung zur Emotionalisierung" und eine geradezu fahrlässige Ausklammerung des historischen Kontextes, die den Eindruck erwecke, als seien die Bomben buchstäblich vom Himmel gefallen. Wehlers tagespolitische Essays belehren nicht nur, sie unterhalten auch mit ihrer spachlichen Eleganz.