Wann immer in den letzten Jahren gestritten wurde - über den wieder auflebenden Antisemitismus oder den Beitritt der Türkei zur EU, über den Irak-Krieg oder die Sozialreformen -, hat er sich vernehmlich zu Wort gemeldet, engagiert, streitlustig, überzeugungsstark. Heinrich August Winkler, der gebürtige Königsberger und Schüler von Hans Rothfels in Tübingen, ist ein politischer Historiker im besten, das heißt den liberaldemokratischen Traditionen von 1848 verpflichteten Sinne. Sein Rat ist bei führenden Politikern gefragt, ja, er gilt mittlerweile als so etwas wie das historische Gewissen der "Berliner Republik". Seine zweibändige deutsche Geschichte Der lange Weg nach Westen (C.H.Beck, 2000), die gerade in zahlreiche Sprachen übersetzt wird, dürfte als eines der einflussreichsten historisch-politischen Bücher unserer Zeit in die Annalen der Geschichtsschreibung eingehen. Zum ersten Mal, so lautet die versöhnliche Botschaft, haben Demokratie und Nation in Deutschland seit 1990 zu einer glücklichen Balance gefunden. Der schreibgewandte Gelehrte, der vor seiner Berufung an die Berliner Humboldt-Universität 1991 lange Jahre in Freiburg wirkte und eine Reihe von Standardwerken verfasste, unter anderem eine monumentale dreibändige Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung der Weimarer Republik (J.H.W. Dietz Nachf.) und die bislang beste Darstellung der ersten deutschen Demokratie Weimar 1918-1933 (C.H.Beck), wird am 19. Dezember 65 Jahre alt. Aber ans Aufhören denkt er längst noch nicht. Derzeit arbeitet er an einem neuen großen Buch - über Perspektiven des "Projekts Europa".