Ihr Essay veranlasst mich zu einer Replik, die sie hoffentlich als Teil eines Dialogs verstehen: Wieder einmal möchte ein Repräsentant der Postmoderne ein Stück deutscher Tradition auf den selbst gebastelten Abfallhaufen der Dekonstruktion werfen: Nachdem Herr Sloterdijk vor ein paar Jahren den Humanismus als reine Lektüreillusion abgetan hat, wollen Sie nun die deutsche Bildung zerschlagen, um dem globalen Begriff der "education" zu huldigen. Ihre etymologische Rückbesinnung auf den deutschen Bildungsbegriff knüpft bei der Mystik an, verschweigt aber, dass die Gottsucher des 13.

Jahrhunderts sich ein Bild machen wollten, ein Bild sowohl von der Welt, dem ganz anderen, als auch von sich selbst. Sie aber verwenden das Wort Bildung rein reduktiv, indem Sie das Humboldtsche Gebot der Allgemeinbildung außer Acht lassen. Unsere Naturwissenschaftler hingegen haben Geistesbildung und Musen stets hoch geachtet.

Die Postmodernen lieben die romantische Ironie - auch Sie zitieren Friedrich Schlegel. Sollten Sie vergessen haben, dass diese Ironie ohne progressive Universalpoesie nicht zu haben ist und dass beide Begriffe in ihrer dialektischen Verknüpfung so ungefähr das beinhalten, was Habermas als unvollendetes Programm der Aufklärung bezeichnet? Ebenfalls reduktiv ist die Gleichsetzung von Bildung mit Bildungsphilister. Schillers ästhetische Erziehung mag von diesen so verstanden worden sein, er aber entwickelte sie als Antwort auf die Französische Revolution und als politische Waffe.

Schiller beklagt die menschliche Unvollkommenheit, mit welcher der Mensch "ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt" ist, sodass er, "anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, ... bloß zu einem Abdruck seines Geschäftes, seiner Wissenschaft" wird. Schiller begrüßt daher das Erwachen des Menschen "aus seiner langen Indolenz und Selbsttäuschung" und fordert die "Wiederherstellung in seine unverlierbaren Rechte".

Schließlich kritisieren Sie die Überheblichkeit des Bildungsbürgers, "das olympische Selbstbewusstsein der deutschen Ordinarien-Universität", beklagen aber gleichzeitig, dass die deutsche Bildung "das politische Unglück des 20.

Jahrhunderts nicht verhindern" konnte. Etwas mehr Wirklichkeitssinn in beiden Fällen, und die heutige Bildungsdebatte könnte in nützliche Gleise gelenkt werden: Der wahrhaft gebildete Mensch ist keine Erlösergestalt, diese Aufgabe sei einem Gotte überlassen, er verbirgt sich aber auch nicht hinter seiner "machtgeschützten Innerlichkeit", stattdessen geht er, ganz wie die Helden zahlloser deutscher Bildungsromane, auf die Straße, wo er die Erfahrung finden kann, die ihn mündig werden lässt. Bildung und Ästhetik werden dann wieder Teil der Politik, die Öffentlichkeit gewinnt ihr kulturräsonierendes Bewusstsein zurück. In diesem Sinne verstanden, brauchen wir Bildung, um in dem Irrgarten des 21. Jahrhunderts unsere Mündigkeit zu bewahren - die oft stark instrumentalisierte "education" aber schafft es nur bis zum Konsumenten.

Prof. em. Hans Hahn, Oxford