Wir haben es nun oft genug gehört von den Winzern, den Händlern und den Funktionären des Weinbaus: Der Jahrgang 2003 wird etwas ganz Außerordentliches, ein Jahrhundertwein liegt in den Fässern und wird uns begeistern, wie uns lange kein Wein mehr begeistert hat.

Wäre ja auch ein Wunder bei diesem Sommer, wenn die Sonne nur Kirschen und Aprikosen eine Extraportion Süße mitgegeben hätte. Auch die Weintrauben, obwohl ungewöhnlich klein geraten, waren prall gefüllt mit Öchsle. Also alkoholträchtigem Traubenzucker. Dafür war die Erntemenge sehr gering. Ohne Regen wächst in der Natur alles langsamer. Das wird sich auf die Preise auswirken, die die Winzer für den Jahrgang 2003 verlangen werden. Und da es ein außergewöhnlicher Wein wird, dürfen es auch außergewöhnliche Preise sein.

Was sind im deutschen Weinbau außergewöhnliche Preise? Es sind jene, die sich der Verbraucher nicht täglich leisten kann. Wer also, wie ich, kein Essen beschließt, ohne dazu eine Flasche Wein getrunken zu haben, der muss schon zu den sehr viel besser Verdienenden gehören, um seine Trinkgewohnheiten mit dem künftigen Jahrhundertwein fortsetzen zu können. Denn schon die letzten beiden Jahrgänge sind teuer. Für einen anständigen, aber nicht sensationell guten Riesling oder Grauburgunder verlangt der Handel inzwischen an die 25 Euro. Damit ist auch beim Wein der frühere D-Mark-Preis im Verhältnis von 1 zu 1 wieder auferstanden. Man nennt das D-Mark-Recycling.

Doch den Winzern sei’s gegönnt. Es fragt sich nur, ob sie genügend sehr viel besser Verdienende unter ihren Kunden haben. Sonst fallen wir wieder in die Zeiten zurück, wo zum Essen ein billiger Ausländer getrunken wird und die guten Flaschen höchstens am Sonntag. Wobei nicht übersehen werden darf, dass die liebe Sonne auch im Ausland kräftig geschienen und die Öchslegrade in die Höhe getrieben hat. Sollten also die Weinpreise europaweit explodieren, wäre das die Stunde von Aldi. Dort findet man immer ein billiges Gesöff.

Nun muss man die Hymnen auf unseren Wein nicht ganz wörtlich nehmen. Gewiss wächst ohne Sonne kein exzellenter Wein. Deshalb gibt es keine Flensburger Möwenarsch Spätlese. Aber so viel Sonne wie im vergangenen Sommer bringt dem Winzer auch ein Problem. Denn die Trauben bilden nur wenig Säure. Sehr häufig zu wenig, um haltbar zu sein. So kann ein bei seiner Geburt als einmalig gepriesener Wein mit einem Geburtsschaden in die Flaschen geraten. Zu wenig Säure im Wein ist wie zu wenig Öl im Getriebe. Die Säure sorgt nicht nur für Haltbarkeit, sie knackt auch die Aromen eines Weins, sodass diese sich öffnen und dem Trinker Freude bereiten. Ohne Säure sind Weine plump, sie wirken frühzeitig gealtert und können ihren Charakter nicht entwickeln.

Der Jahrgang 2003 wird von enthusiastischen Winzern gern mit 1976 verglichen. Auch damals ein extrem heißer Sommer und außerordentlich hohe Öchslegrade. Bis auf edelsüße Dessertweine war die ganze Ernte bereits nach wenigen Jahren nur noch mittelmäßig. Viel schlimmer erging es den Weinpropheten mit den Jubeljahren 1970, 1975 und 1982. Diese Jahrhundertweine waren nach wenigen Jahren ihr Geld nicht mehr wert, das heißt nicht mehr trinkbar. Ich hatte bis vor kurzem noch 1975er Petrus im Keller – ein Witz.

Aber den Schaden und den Spott haben immer nur die Verbraucher. Denn wenn die feststellen, dass ihre teuer eingekauften Flaschen aus dem Jahrhundertjahrgang nichts mehr taugen, ist längst ein neuer Jubeljahrgang am Horizont aufgetaucht und besetzt die Schlagzeilen der affirmativen Medien. Ich habe mir deshalb angewöhnt, nicht auf die Enkomiasten unter den Weinexperten zu hören, sondern Weine zu kaufen, die mir in diesem Moment gut schmecken.