Auf der Liste meiner privaten Schreckensvisionen steht ganz oben: Winterurlaub ohne Schnee. Gleich darunter steht: Winterurlaub ohne Skifahren, was genau genommen auf dasselbe hinausläuft, es sei denn, man kann sich die apokalyptische Situation eines Winterurlaubs mit Schnee, aber ohne Skifahren vorstellen. Für mich ist das undenkbar. Schon als Kind bedauerte ich die armen Tröpfe, die im Pferdeschlitten durch die Oberwiesenthaler Straßen zuckelten, während wir anderen die Oberwiesenthaler Pisten hinunterkarriolten. Meine Winterferientage begannen vor Sonnenaufgang und endeten nicht vor der letztmöglichen Bergfahrt, denn mein Ziel war nicht der Zeitvertreib, sondern die Bezwingung meines unzulänglichen, weil aus dem Flachland stammenden Ichs, soziologisch gesprochen: die Selbstermächtigung des Subjekts. Ich wollte irgendwann einmal so elegant wedeln können wie der Sohn vom Siegel Bernd. Der Sohn vom Siegel Bernd war 1980 das, was man heute cool nennen würde, er konnte einbeinig rückwärts Ski fahren, und Pferdeschlitten waren im Vergleich zu ihm die Inkarnation alles Unsouveränen.

Schlitten überhaupt!

In meinen Kindheitswintern war Schlittenfahren das, was am Ende eines lustigen Skitages als Strafe hintennach kam. Es fand bei Einbruch der Dunkelheit auf einer unvorstellbar steilen Straße mit unglaublich engen Serpentinen statt, in jeder Kurve lief man Gefahr, mit großem Knall an der eigenen Amüsiersucht zu zerschellen. Ich hasste es. Ich hasste es, weil ich eine Heidenangst davor hatte. Mit dem Schlitten konnte man nur vage lenken, und bremsen war ab einem bestimmten Punkt, den ich jedes Mal sehr schnell erreichte, unmöglich. Ich kenne Leute, die haben sich beim Schlittenfahren beide Arme gebrochen, nie wieder werden sie am Steilhang einen ordentlichen Stockeinsatz hinbekommen. Wie gesagt: Apokalypse.

Doch das soll nun alles anders werden, denn der zweite Teil der Apokalypse ist die ewige Glückseligkeit beziehungsweise die ewige Verdammnis, und die erlösende Formel lautet NTC. Das New Technology Center wurde vor fünf Jahren zur effektiveren Bespaßung im Gebirge erfunden, und das Zentrum des Zentrums befindet sich in dem kleinen österreichischen Dorf Schruns. Seit es das NTC Schruns gibt, muss man als Nichtskifahrer nicht mehr Schlitten fahren, man benutzt stattdessen Scooter, Airboard, Skwal, Zorb und vor allem Skifox. Der Skifox steht auf nur einer Kufe, und diese Kufe ist ein kurzer Carvingski.

Dort, wo normalerweise die Bindung wäre, wurde ein stark nach hinten gebogenes Schichtholz aufmontiert und obendrauf, quer dazu, ein schmaler Sitz. Das Gerät sieht äußerst wackelig aus. Aber Hubi Huber behauptet, dass 99 Prozent aller Menschen mit dem Skifox problemlos klarkommen. Hubi Huber, gelernter Ofensetzer, Skilehrer, Snowboardfahrer und NTC-Manager am österreichischen Hochjoch, fährt wahrscheinlich noch ein bisschen besser Ski als der Sohn vom Siegel Bernd. Und wenn Hubi Huber auf dem Skifox sitzt, sieht es fast noch souveräner aus, als wenn er Ski fährt.

Deshalb bin ich neulich mit der ersten Gondel der Hochjochbahn zum NTC Schruns hinaufgesummt. Die erste Gondel zu nehmen war allerdings schon der erste Fehler. Heutzutage geht es nämlich nicht mehr um zeitiges Erscheinen, sondern um Fun. Nicht um Bewährungsproben, Stilsicherheit, demonstrativen Aktivismus, sondern um das möglichst mühelos erkaufte Glück. Man darf in Ruhe ausschlafen und gegen zehn zum Hang kommen. Ein ganzer Tag Lässigkeit, inklusive Liftkarte, kostet 58 Euro. Hubi Huber ist auch dabei und erklärt, wie man die neue Freiheit handhabt. Merke: Man muss kaum noch etwas können, das kann alles das Gerät. Hubi Huber setzt sich auf den Skifox und lehnt sich ein wenig nach hinten. Das, behauptet er, ist fast die ganze Kunst. Man lenkt, indem man links beziehungsweise rechts den Sitz mit der Hand leicht nach unten drückt. Zum Bremsen hat man gleitschuhartige Miniski, deren Fersen eingekantet werden. Zwei Minuten nach zehn am Hochjoch fährt Hubi Huber los.

Fünf nach zehn kann unsere ganze Gruppe tatsächlich Skifoxen. Das Pärchen aus Freyburg, die beiden schwäbischen Snowboarder, der unsportliche Dicke aus Berlin und ich. Weitere fünf Minuten später verlassen wir den Anfängerhang und toben die rote Piste hinunter. Wenn es über Buckel geht, muss man den Sitz mit aller Kraft festhalten, sonst fliegt man allein weiter.