Als Harald Schmidt das Ende seiner berühmten Sendung bekannt gab, war die Kanonisierung des Meisters schon abgeschlossen; das gab den Huldigungen zu seinem Abschied etwas Wohlfeiles. Schmidt war längst analysiert, interpretiert und unter die Olympier des Humors (nicht unbedingt des Fernsehhumors) versetzt worden, man konnte und musste ihn nicht mehr entdecken.

Trotzdem war der Sturm der nachgetragenen Begeisterung verblüffend, den sein Abschied ausgerechnet in Medien und bei Fernsehleuten auslöste, die ihrerseits in ungeheurer Schmidt-Ferne, in denkbar größter Humor-, Ironie- und Bildungs-Ferne ihrem verlangweilten Tagwerk nachzugehen pflegen. Was war es, was diese Intendanten, diese Moderatoren, diese Unterhaltungsstars und Klamaukproduzenten bewegte? Die eigene Blödheit? Talentlosigkeit oder Feigheit? Wenn sie Harald Schmidt so über die Maßen verehrt haben – warum wollten sie ihm nicht nacheifern, warum ihn nicht kopieren, wenigstens feine Spuren von Ironie und Sarkasmus in die eigenen faden Sendungen träufeln? Die Wahrheit ist: Sie haben es sich nicht getraut. Sie haben Schmidt nicht für sein Talent bewundert, sondern für seinen Schneid.

Die Klage über seinen Abschied ist die Klage der Opportunisten, die sich davor fürchten, mit ihrem Opportunismus allein zurückzubleiben. Sie ist seelenverwandt der Klage, dass es so wenig Zivilcourage gegen Skinheads gebe; aber sich selbst in der UBahn vor den Angegriffenen werfen, wollen diese Kulturkritiker auch nicht. Das Kollektiv verfolgt oder bedauert den Außenseiter, solange er da ist. Ist er aber weg, breitet sich ein Gefühl schrecklicher Leere aus.

Diese Leere war übrigens bereits das geheime Zentrum der Sendung, als Schmidt sie begann; er agierte immer schon als ein Verschwindender, als ein bald Vertriebener, als ein Letzter. Er markierte die Leere mit den Reclam-Heften der Klassiker, aus denen er plötzlich und recht unapropos vorzulesen pflegte. Seht her, sagte er damit, sie sind noch da, die Dichter, man kann sie für einsfünfzig kaufen, aber wer tut das schon? Nur arme Irre, Clowns und Freaks wie ich, Hinterbliebene einer untergegangenen Kultur oder Archäologen, die mit verblüfftem Unverständnis bei ihren zufälligen Grabungen auf etwas stoßen, was offenbar bei den Angehörigen eines längst ausgestorbenen Volkes einmal in hohem Ansehen stand.

Nur einer hat überlebt

Und nun zu Joachim Kaiser. Joachim Kaiser wird dieser Tage 75, man wird ihn feiern und bejubeln, und auch in seinem Fall wird das Lobpreisen und Jubeln in Medien und von Leuten angestimmt werden, die gar nicht mehr oder nur nebelhaft wissen, warum sie ihn bejubeln.

Joachim Kaiser, man fasst es kaum, ist es tatsächlich gelungen, als Musik- und Literaturkritiker zu einer Art Popstar zu werden, vielleicht nicht ganz in dem Maße, in dem es Marcel Reich-Ranicki zum Popstar brachte, aber doch fast. Er hat es mit dem Schreiben von Konzertkritiken bis in die Bunte gebracht, und zwar nicht, indem er es etwa jemals darauf angelegt hätte. Er hat sich nicht aufs Holzschnitthafte und damit schon aufs Pop-Fach verlegt wie Reich-Ranicki, er hat nicht den intellektuellen Clown gegeben wie Harald Schmidt, er ist mit geduldigen Feinanalysen der Mikrostruktur von Opern oder Klaviersonaten berühmt geworden, man will es kaum mehr glauben. Es war eine andere Zeit.