Was für ein Glück

Vor lauter Reformen könnte man es fast vergessen: Politik soll hauptsächlich möglichst viele Menschen möglichst glücklich machen. Geld ist dabei bekanntlich nur bedingt hilfreich. Ein Gespräch mit dem Glücksberater David Halpern

Hallo, Mr. Halpern, sind Sie glücklich?

Sagen wir, ich bin zufrieden. Und Sie?

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Ich komme zurecht. Ich kenne allerdings eine Menge Leute, die sich gar nicht gut fühlen. Es kriselt privat oder im Beruf, wenn sie überhaupt noch einen haben.

Geht es den Deutschen so schlecht? Erzählen Sie mehr von Ihren Problemen.

Ich dachte, Sie wüssten einen Ausweg aus dem Jammertal. Was machen Sie denn eigentlich genau?

Ich bin strategischer Berater der britischen Regierung zum Thema Glück. Wir tragen die weltweiten Untersuchungen über Glück und Lebenszufriedenheit der Menschen zusammen. Die Glücksforschung ist vor ein paar Jahren förmlich explodiert. Wir werten diese Studien aus und überlegen, was die Politik und der einzelne Bürger tun können, damit alle glücklicher werden.

Und was können wir tun?

Es wäre hilfreich, in Mexiko oder Puerto Rico zu leben. Dort leben die glücklichsten Menschen der Welt. Man kann diese Leute fragen, wie sie sich in einem bestimmten Moment fühlen oder wie sie ihr grundsätzliches Lebensgefühl beschreiben würden – die überwiegende Mehrheit von ihnen sagt, sie sei glücklich. Dabei geht es ihnen wirtschaftlich alles andere als gut. Aber die Lateinamerikaner haben ganz offenbar eine positive Einstellung zum Leben.

Wir wohl weniger. Was wird aus denen von uns, die nicht auswandern wollen?

So schlecht geht es Ihnen gar nicht. Immerhin 80 Prozent der Deutschen sagen, sie seien mit ihrem Leben einigermaßen zufrieden. Allerdings ist nur jeder Fünfte bei Ihnen wirklich glücklich. In Großbritannien ist das jeder Dritte. Doch im Ernst: Lateinamerika zeigt, dass wir unser Glück nicht allein im Wirtschaftswachstum suchen sollten.

Aber es schadet doch nicht?

Sicher, im internationalen Vergleich sind wohlhabende Nationen grundsätzlich besser dran als arme. Aber von einem bestimmten Lebensstandard an steigt die Zufriedenheit nicht mehr automatisch mit dem Einkommen. In den späten fünfziger Jahren lag das Durchschnittsgehalt in den westlichen Industrienationen bei 10000 bis 15000 Dollar im Jahr. Das hat sich bis heute verachtfacht. Doch das allgemeine Wohlbefinden blieb die ganze Zeit gleich.

Sie meinen: Reisen, der schicke Italiener, Designer-Sofas, Servolenkung – alles umsonst?

Wir sind in einer Art Tretmühle gefangen. Wir streben nach immer mehr, doch das materielle Glück des einen bedeutet das Unglück eines anderen. Wenn ich mir ein teures Auto kaufe, hebt das für einen Moment meine Laune, dafür sinkt die des anderen, weil er neidisch ist. Irgendwann kann er sich auch so einen Wagen leisten, und meine ursprünglich gute Laune ist dahin. Der Mensch gewöhnt sich unglaublich schnell an gestiegene Lebensstandards. Außerdem vermehren sich mit dem Wohlstand eines Landes auch die Probleme: Kriminalität, Stress im Beruf, Statusdenken, Arbeitslosigkeit, höhere Scheidungsraten – das ist Gift fürs Gemüt.

Was ist wichtiger als Einkommen?

Arbeit. Die muss nicht wahnsinnig gut bezahlt sein, Hauptsache, jeder hat welche. Der negative Effekt von Arbeitslosigkeit ist um ein Vielfaches stärker als der positive eines steigenden Einkommens. Das erleben wir in der momentanen Wirtschaftskrise. Selbst die, die noch einen Arbeitsplatz haben, werden unzufrieden, weil sie darum fürchten.

Würde es helfen, nur noch zu tun, was uns Spaß macht?

Wenn wir uns alle einem wilden Hedonismus hingäben und dabei öffentliche Aufgaben vernachlässigten, hätte das unangenehme Folgen für die nachfolgende Generation. Und wenn alle aufhörten zu arbeiten und die Wirtschaft zusammenbräche, wäre es auch unwahrscheinlich, dass das unsere Lebenszufriedenheit sonderlich steigern würde. Nein, entscheidend für unsere Lebenszufriedenheit sind Freunde, Familie und, vor allem, Vertrauen.

Vertrauen in wen? Viele werden sagen, ich habe unfähigen Politikern oder meinem Anlageberater schon zu lange vertraut.

Schauen wir uns die Dänen an. Bei Fragen wie »Welches Gefühl haben Sie gegenüber Menschen in Ihrer Umgebung?« erweisen sie sich als sehr vertrauensvoll gegenüber ihrer Gesellschaft. Das ist einer der wesentlichen Gründe dafür, dass ganze 70 Prozent der Dänen angeben, sie seien sehr glücklich. Die Dänen sind gewissermaßen die Mexikaner Europas. Mit dem Unterschied, dass es ihnen auch wirtschaftlich gut geht.

Liegt das an ihrem ausgeprägten Wohlfahrtssystem?

Entscheidend ist, wie sich hochrangige Persönlichkeiten in einem Land verhalten, vor allem Regierungsmitglieder. Sind sie glaubwürdige Vorbilder? Was tun sie gegen Korruption? Wie steht es um ihre moralische Integrität? Es kann natürlich beruhigen, wenn ein soziales Netz die Bürger sichert. Aber es geht weniger darum, Geld in eine Gesellschaft zu pumpen, als eine gemeinsame Identität zu schaffen.

Das klingt nicht überraschend.

Vielleicht, aber die Bedeutung eines guten Miteinanders wird unterschätzt. Wenn Ihnen jemand auf der Straße unfreundlich begegnet, hat das einen gewaltigen Einfluss auf Ihre Laune, es kann Ihren ganzen Tag versauen. Faktoren wie Respekt, Liebenswürdigkeit oder Anteilnahme müssen höher bewertet werden. Geradezu dramatisch ist etwa, wie sehr eine gute Ehe Ihre Lebenszufriedenheit steigert – ungefähr so viel wie eine Gehaltserhöhung um 100000 Euro pro Jahr.

Wie können Sie denn Gefühlswerte beziffern?

Einige Studien vergleichen den Glücksgewinn durch unterschiedliche Faktoren. Die Berechnungen sind kompliziert. Aber wenn zum Beispiel Ihre Ehe in die Brüche geht, fühlen Sie sich, als würde man Ihr Gehalt um rund 23000 Euro kürzen. Das sind Gedankenspiele, aber sie verdeutlichen, wie gering der Einfluss des Einkommens auf die Zufriedenheit ist, verglichen mit dem Wert einer guten Partnerschaft. Oder nehmen wir den Sport. Die Engländer treiben heute mehr Sport als früher, die Deutschen, glaube ich, auch. Aber die meisten gehen allein ins Fitness-Studio, um sich für den Job zu stählen. Gesünder wäre es, in einem Team mit Freunden Fußball oder Handball zu spielen.

Wie lassen sich soziale Bindungen fördern?

In England werden immer mehr Programme eingerichtet, um Familien zu unterstützen. Und je besser es den Eltern geht, umso stabiler sind die Bindungen der Kinder. In Schulen wird bürgerschaftliches Engagement unterrichtet. Das Ehrenamt ist etwas aus der Mode gekommen, dabei müsste der freiwillige Einsatz im Verein oder in der Nachbarschaft viel höher bewertet werden.

Nach dem Motto: Kommt alle zusammen und seid lieb zueinander?

Sie können nicht Leute aufeinander zuschubsen und erwarten, dass sie sich darüber freuen. Im Gegenteil: Menschen wollen selbst entscheiden, wen sie wann treffen. Haben Sie dort, wo Sie arbeiten, eine Kantine oder ein Restaurant in Ihrer Nähe?

Mehrere, gleich um die Ecke.

Dann wissen Sie ja: Manchmal sitzt da jemand, mit dem Sie gerne zusammen essen würden, und manchmal einer, auf den Sie gerade gar keine Lust haben. Restaurants müssten Glaswände haben, damit wir schon von außen sehen können, wer da alles sitzt. In England hatte die Regierung in den siebziger Jahren eine Kampagne namens »Gute Zäune schaffen gute Nachbarn« begonnen. Die Botschaft lautete: Fühlen Sie sich nicht gezwungen, Ihren Nachbarn zur Grillparty einzuladen. Aber wenn Sie ihn wirklich dabeihaben wollen – umso besser.

Deutsche Politiker beschäftigen sich momentan mehr mit der Reform der Renten, des Gesundheits- und Bildungssystems.

Gesundheit ist ein interessanter Punkt. Wir glauben immer, sie hätte großen Einfluss auf unsere Lebenszufriedenheit. Untersuchungen zeigen aber das Gegenteil. Die meisten glücklichen Dänen behaupten, sie seien gesund. Aber sie sind es nicht. Die Dänen rauchen und trinken zu viel oder nehmen andere Drogen.

Heißt das, Drogen machen glücklich?

Wir deuten es andersherum. Wer eine optimistische Einstellung zum Leben hat, fühlt sich offenbar auch gesund.

Sollten wir also nicht länger zum Arzt gehen, sondern uns lieber einbilden, uns fehlte nichts? Das würde die Kosten im Gesundheitssektor erheblich senken.

In England gibt es da leider nicht mehr viel einzusparen. Aber es kommt natürlich darauf an, was Sie wollen: Wenn Sie ein langes Leben anstreben, sollten die Dänen nicht Ihr Vorbild sein: Für eine wohlhabende Nation haben sie eine ziemlich geringe Lebenserwartung. Ähnlich paradox ist das Phänomen Bildung. Auch die beeinflusst das persönliche Wohlbefinden nur wenig. Aber deswegen sollten wir nicht unsere Schulbücher verbrennen. Für den Einzelnen mag es nicht so wichtig sein, wie viel er weiß – doch ein allgemein hoher Bildungsstand kann die Lebensqualität einer Gesellschaft erheblich fördern.

Demnach sähe der Bürger mit den besten Glücksaussichten so aus: Er hat einen netten Job, der ihm ein ausreichendes Einkommen beschert, er ist verheiratet, hat zwei Kinder, spielt einmal die Woche mit Freunden Fußball und ist Mitglied der freiwilligen Feuerwehr.

Und er sollte alle ein, zwei Wochen in die Kirche gehen. Gläubige Menschen sind zufriedener.

Reden wir hier noch über eine kapitalistische Gesellschaft?

Viele Ökonomen sagen ja. In einer Marktwirtschaft regelt sich alles über den Preis. Die Frage ist, wofür wir unseren Wohlstand einsetzen. Welchen Preis etwa sind wir bereit zu zahlen, damit wir Zeit haben, um mit unseren Freunden Fußball zu spielen oder bei der Geburtstagsparty unseres Sohnes dabei zu sein? Wie viel geben wir, verglichen damit, für unser neues Auto aus?

Wenn ich nach der Mittagspause zum Kindergeburtstag gehe und meinen Chef frage, was mich das kostet, wird er vermutlich sagen, meinen Job.

Wahrscheinlich. Ihr Glück liegt nicht nur in Ihrer Hand. Das ist der wesentliche Punkt, den wir als strategische Berater vermitteln wollen. Der Bürger ist gewohnt zu denken, sein Lebensglück sei seine persönliche Angelegenheit, aber es ist zutiefst gesellschaftlich verankert. Die meisten Menschen würden, wenn sie wählen könnten, weniger arbeiten. Trotzdem schieben sie Überstunden. Die Deutschen arbeiten rund 1600 Stunden im Jahr, die Amerikaner 2000, in England liegen wir nur knapp darunter. Doch wenn alle immer länger arbeiten, wird das zusätzliche Einkommen von steigenden Wohnungsmieten und anderen teurer werdenden Gütern verzehrt. Würden wir es hingegen alle zusammen etwas ruhiger angehen, um unsere frei gewordene Zeit für andere sinnvolle Dinge zu nutzen, würde uns das insgesamt gar nicht so viel kosten.

Kennen Sie irgendeinen Politiker, der von diesen Theorien überzeugt ist?

Eine ganze Menge. Ich werde sie namentlich nicht nennen, aber etliche hochrangige britische Politiker, etwa aus dem Finanzministerium, sind sehr daran interessiert. Die sind mit ihren Einschätzungen normalerweise sehr bedächtig. Aber auch sie meinen, wirtschaftliches Wachstum ist zu wenig. Und das Statistikamt denkt bereits über einen nationalen Lebenszufriedenheitsindex nach.

Werden wir künftig nicht mehr das Bruttosozialprodukt steigern, sondern das Bruttoglücksprodukt?

Immer mehr Politiker, auch im Ausland, suchen nach einer Neuorientierung in der Politik. Ich denke, in einigen Jahren werden Regierungen die Lebenszufriedenheit der Bevölkerung als Maßstab für ihre Entscheidungen nutzen. Die Abendnachrichten werden uns Statistiken präsentieren, wonach der Glücksfaktor in Großbritannien gerade um zwei Punkte gestiegen ist, während er in Deutschland mal fällt.

Glauben Sie wirklich?

Kleiner Scherz. Nein, ich bin sicher, die Deutschen werden dann um mindestens fünf Punkte glücklicher sein.

Das Gespräch führte Carsten Jasner

*David Halpern, 37, lehrte Sozial- und Politikwissenschaften in Cambridge, Oxford und Harvard und ist seit zwei Jahren politischer Berater in der Strategy Unit des britischen Premierministers

 
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